Zum Sonnenaufgang mit dem Fahrrad auf die Alpspitze

Mit dem Fahrrad auf die Alpspitze? Na klar, die Seilbahn ist ja schließlich was für Anfänger.
Ende August, 1:00 Uhr in Garmisch. Es ist Festwoche und richtig was los. Die Bars sind gut gefüllt, es ist ordentlich Stimmung im Ort. Trotzdem wirkt das Ganze leicht surreal. Warum? Wir – Colin, Andrea, Dan und ich – sind bereits auf der anderen Seite der Nacht. Wir wollen den Sonnenaufgang auf der Alpspitze erleben und mit unseren Rädern vom Gipfel abfahren.

Schlaf aus den Augen gerieben und rauf auf die Schotterwege
Sonnenaufgang ist um 6:04 Uhr, um den frühen Start kommen wir also nicht herum. Obwohl keiner von uns mehr als 1-2 Stunden Schlaf in sich hat und mehr als 2000 Höhenmeter vor uns liegen, starten wir zügig – auf keinen Fall wollen wir zu spät ankommen. Nach den ersten 1000 Höhenmetern durch das Garmischer Skigebiet wird das Gelände plötzlich steiler, felsiger, alpiner. Eine gute halbe Stunde quälen wir uns noch über grobschottrige Karrenwege, bis wir schließlich den Einstieg zum Nordwandsteig erreichen. Uhrencheck: Es ist 4 Uhr, wir liegen gut in der Zeit, aber herumtrödeln dürfen wir nicht.
Eben noch unterm Sattel, jetzt auf den Schultern


Hier wechseln Bikes und Fahrer die Position: auf einem Klettersteig ist an Fahren nicht mehr zu denken, vor allem nicht bergauf. Stattdessen legen wir uns die Räder auf die Schultern, um die Hände freizuhaben, damit wir uns an Metallleitern, Stahlseilen oder Felsvorsprüngen festhalten können. All das nur ein paar Meter von der Gipfelstation der Seilbahn (Volksmusik, Weißbier und Kaiserschmarrn) entfernt. Größer können die Gegensätze kaum sein.
Kurz vor Ende des Klettersteigs erreichen wir die Schlüsselstelle. Hier ist kein Platz mehr, um mit dem Rad auf den Schultern hochzuklettern, stattdessen reichen wir die Räder einzeln hoch. Jetzt noch eine kurze Metallleiter hochklettern, über ein paar Felsen steigen und wir sehen das Gipfelkreuz vor uns – 500 Höhenmeter entfernt. Uhrencheck: kurz vor 5 Uhr, so langsam dämmert es und wir können die Stirnlampen ausschalten. Allerdings drängt nun auch die Zeit!

Nach dem letzten Aufstieg ein Frühstück vor atemberaubender Kulisse
Vor uns liegt ein steiles Felsband, das sich über ca. 100 Höhenmeter erstreckt und bei den Skitourengehern im Winter für wackelige Knie sorgt. 5:30, so langsam wird es knapp, aber bis zum Gipfel sind es auch nur noch ein paar Meter.
Oben angekommen ist es ungemütlich: windig und kalt und kein geschütztes Plätzchen. Wir sind hundemüde, aber glücklich. Geschafft! Die Sonne geht auf, die Bergflanke ist in knallrotes Licht getaucht und wir liegen uns in den Armen. Wunderschön! Colin, unser Fotograf, rennt ganz nervös herum und will möglichst viele Bilder schießen. Wir sitzen nur entspannt da, verputzen unser Frühstück und genießen den Augenblick.
Runter vom Gipfel und bald wieder rein ins Bett
Ein Bett käme jetzt ganz recht, aber dazwischen liegen leider noch 2000 Höhenmeter knackige Abfahrt. Gerade der Gipfelbereich hat es in sich, man darf sich selbst seinen Weg durch das Geröll-Durcheinander suchen. Auf einer Felsplatte knipsen wir noch ein paar Bilder, bevor auch schon die Wolken heraufziehen und es aus ist mit der Aussicht. Aber es gibt auch so noch genug zu tun: die Strecke bleibt fordernd, im oberen Teil macht uns das lose Geröll zu schaffen, im Wald die nassen Wurzeln. Keine Sekunde darf man hier die Konzentration verlieren, auch wenn es immer schwerer fällt.
Irgendwann erreichen wir die Partnachalm und können die letzten Meter zurück nach Garmisch rollen. Mehr als 10 Stunden auf dem Berg, 2000 Höhenmeter auf und ab und etwas über 30 Kilometer liegen hinter uns – und ein ausgedehntes Mittagsschläfchen vor uns.

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