Volle Kante: Wie Snowboarden erwachsen wurde

Ein alternder Snowboarder macht sich Gedanken über die Entwicklung seiner Sportart – und ist trotz allem froh, bis heute seitwärts den Berg runter zu rutschen.

Vor ziemlich genau 27 Jahren begann ich mit dem Snowboarden. Zuerst auf selbst verlängerten Skateboards ohne Achsen, dann auf einem gebrauchten Burton Air, dessen Design vorletzte Saison schon wieder retro-schick gewesen wäre. Im Allgäu, genauer gesagt im kleinen Skigebiet Grasgehren am Riedbergerhorn, lernte ich die ersten Kurven. Damals gab es dort dreieinhalb Schlepplifte und ungefähr fünf andere Snowboarder diesseits und jenseits der Pisten. 

Wir fanden es cool, die Underdogs zu sein, empfanden die Abneigung so mancher Schifahrer als Selbstbestätigung und genossen heimlich die bewundernden Blicke der anderen. Fast ein bisschen schade, dass es damals noch keine Digitalkameras gab, um die Frühphase samt Jugendsünden zu dokumentieren.

Bald ging es mit dem Snowboarden jedenfalls steil bergauf. 

Die Wintersportindustrie witterte eine neue Chance, die Vermarktungsmaschinerie schaltete auf Hochtouren und wir wurden jeden Winter ein paar mehr. 1998 saß ich mit Freunden in der Freiburger Studentenwohnung nachts zusammen und sah zu, wie die deutsche Nicola Tost zu Recht olympisches Gold in der japanischen Halfpipe gewann. (Heute würde wohl kein Superpipe-verwöhnter Profi diese holprige olympische Furche im Hang überhaupt als Halfpipe erkennen.) 

Nach dem dritten Bier riefen wir damals per Hotline im ARD-Olympia-Studio an und beschwerten uns über die Kommentare öffentlich-rechtlicher Wintersportexperten, die krampfhaft versuchten, die gezeigten Tricks richtig zu benennen und gleichzeitig jugendlich zu klingen. Ganz klar: aus unserer Perspektive war das Snowboarden nun offiziell dem Untergang geweiht, der ultimative Ausverkauf an die Massen war in vollem Gange. Unser Vorbild Terje Hakoonsen, der norwegische Übersnowboarder jener Tage, hatte diese Diagnose bestätigt und die Spiele lautstark boykottiert.

Tatsächlich begannen nun die ultimativen Boomjahre des Sports, neue Snowboardfirmen sprossen schneller als Schneekanonen aus den Hängen, Marketingleute bastelten Boarderweeks für Flachlandtouristen, die sich in vollendeter Gegenrotation und merkwürdigen Mützen die Hänge herunterquälten, um abends wie auf Kommando einen zu Kiffen und dabei so genannte Boarderbands wie Guano Apes und deren Soundalikes zu hören. Ein Pseudo-Rivalität zwischen verbitterten Skifahrern und lockeren Snowboardern wurde heraufbeschworen. Für eine Weile schien das kommerziell bestens zu funktionieren – bis die Revolution ihre Kinder fraß.

Oft wird das Snowboarden als Gaudi für Pubertierende kommuniziert

Genau hier liegt wohl der Kardinalfehler der Snowboardindustrie: Snowboarden wurde immer als Strohfeuer der Jugendlichkeit inszeniert und dann innerhalb einer Generation abgefackelt – entsprechend dachten schon damals viele der vorrübergehenden Trend-Boarder: „Wenn ich richtig erwachsen bin, fahr’ ich eh wieder Ski.“ Snowboarding wurde vom Großteil der Industrie also nicht als sportlich-nachhaltige Alternative zum Skifahren etabliert, sondern lediglich als Lebensabschnitts-Gaudi für Pubertierende und Spätpubertierende. Die eben immer wieder nachwachsen müssten.

Und hier kommt das zweite Problem zum Tragen, das in der innovativen Strahlkraft des Snowboardens nach außen lag: Snowboarding inspirierte eine ganz neue Interpretation des Skifahrens – mit breiten Brettern, coolen Klamotten und denselben lässigen Tricks in Funkpark oder Backcountry. Die nächste Generation von Kids musste also nicht mehr aufs Snowboard steigen, um cool zu sein, sondern begann einfach gleich mit Freeskiing. Was zudem den Vorteil hatte, dass es vielseitiger erschien und die vermeintlich bessere Zukunftsperspektive fürs alpine Erwachsenwerden versprach.

Natürlich blieben auch die von uns respektierten „echten“ Snowboarder ihrer Leidenschaft treu und es folgten neue nach. Sie profitierten durch lukrative Sponsorenverträge von dem Boom, wobei sie die Masseninszenierung durchschauten und professionell im System mitspielten – verständlicherweise. Technologisch profitierten derweil alle Wintersportler von dem Boom: heute gibt es neben klassisch vorgespannten Camber-Brettern mit klassischen Kantenradien zig verschiedene Rocker-Variationen und Sidecut-Optionen, Twintips und Directional Shapes dazu ergonomisch optimierte Bindungen. Und zwar für Snowboards und für Ski.

 Auch das fahrerische Können erreichte neue Levels 

Immer höher und weiter und technischer wurden die Tricks gesprungen: 360, 540, 720, 1080, 1260, 1440, die Rotationen für den Zuschauer fast schon zu schnell zum mitzählen. Immer steiler und krasser wurden die Lines abseits der Pisten gezogen. Seinen absoluten Höhepunkt erreichte das Snowboarden wohl mit der Generation Shaun White, den aufgeblasenen X-Games und den olympischen Spielen um 2006. Zehntausende kamen zu den Contests, Millionen schauten per Fernseher oder Livestream zu.

Früher berichtete sogar das aktuelle Sportstudio des ZDF live vom Air&Style, der Mutter aller Snowboardevents in Innsbruck. Heuer muss man mühsam im Internet nach dessen Resultaten suchen und findet sie zum Beispiel in einer Randnotiz der Kronenzeitung oder den Websites der Snowboardzeitschriften. Dafür füllt der amerikanische Freerider Travis Rice mit hochwertig produzierten Filmen wie Art of Flight oder The Fourth Phase ganze Kinosäle mit Outdoor-Freunden und Bergsportlern. 

Snowboarding ist also definitiv nicht tot, eher konsolidiert und eben doch auch ein bisschen erwachsen geworden. So schließt sich gefühlt der Kreis für mich. Fast ist heute alles wieder so wie ganz am Anfang vor 27 Jahren. Das Gefühl einer steilen Abfahrt durch frischen Powder ist immer noch dasselbe, ein simpler Method Air am Pistenrand die Krönung des Tages. 

Nur ich bin inzwischen fast komplett ergraut, trage meist Helm statt Mütze – und in Grasgehren gibt es sogar einen Sessellift. Und alle, die heute auf ihr Snowboard steigen, haben eines gemeinsam: Sie fahren seitwärts um des Seitwärtsfahren willens und nicht, um bei einem Trend dabei zu sein. Das Schönste dabei: wir können uns heute ganz entspannt mit den Freeskiern unsere Tiefschneehänge und Funparks teilen und auf der Hütte selbstironisch über die guten, alten Zeiten philosophieren. Und der gemeinsame Feind namens Klimawandel schweißt uns eh alle zusammen. 


Let’s ride!  


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