Testbetrieb: Zum ersten Mal Enduro fahren

Da steht es nun: Leuchtend blau mit neongrünen Akzenten. Leichter Vollcarbonrahmen, 29“-Laufräder, Fox-Gabel und -Dämpfer mit jeweils 120 mm Federweg, 2-fach-Kurbel, komplette Shimano XTR, versenkbare Sattelstütze mit Lockout am Lenker – ein ganz schönes Geschoss, dieses Enduro, und kein Vergleich zu meinem eigenen 26“-Hardtail mit Alurahmen. 

Anfangs fühle ich mich wie auf einem LKW: Ich sitze im Rad und nicht darauf, der breite Lenker, die riesigen Laufräder, alles fühlt sich fremd an und die vielen Verstellmöglichkeiten überfordern mich erst einmal: Gabel auf, Dämpfer auf, Sattelstütze hoch, nicht zuletzt auch ein klein wenig die Schalthebel, denn ich schalte sonst mit Gripshift.

Aber die XTR schaltet butterweich, ein Genuss; die Bremsen ebenfalls zuverlässig, wie man das von Shimano kennt. 

Schon etwas entspannter rolle ich in den ersten Schotteranstieg. Als es steiler wird, irritiert mich ein wenig meine Sitzposition: Weiterhin im Rad und nicht nach vorn orientiert darüber. 

Trotzdem habe ich beste Bodenhaftung und gewöhne mich auch daran rasch: Hier muss ich kein Gewicht verlagern. Als das Terrain etwas verblockter wird, merke ich rasch eines: Ich kann überall drüber rollen, wie ein Bulldozer: Steine, Wurzeln, kleine Stufen? - Einfach weiter kurbeln und schon bist Du oben. Vorderrad anheben? - Das war einmal!

Auch muss ich natürlich sehr viel weniger arbeiten mit dem Oberkörper, und selbst die Beine kurbeln deutlich leichter, bekommen seltener Schläge ab. Die Reifen verlieren nicht die Haftung, auch wenn ich nicht aktiv das Gewicht verlagere. Trails, die ich sonst bergauf mit deutlich mehr Konzentration und Mühe gemeistert habe, gelingen mir astrein. Ich bin schneller und habe zugleich Kraft gespart. 

Somit hat mich das Rad schon auf dem Weg nach oben überzeugt: Enduro hat definitiv etwas für sich. 

Bergab wiederholt sich alles: Anfangs Überforderung: Mist! Die Gabel muss auf, und der Dämpfer. Die Sattelstütze könntest Du auch versenken, wo Du so was schon mal hast. Das vertraute LKW-Gewühl stellt sich ebenfalls wieder ein: Dieser ultrabreite Lenker, die großen Laufräder. 

Hinzu kommt die Beschleunigung: Das Teil lässt sich durch kein Hindernis aufhalten und ich muss nicht wie sonst, immer wieder treten, sondern vielmehr zwischendurch immer wieder abbremsen. Ich rolle über jedes Hindernis, kann Sprünge einbauen. Enge Kurven fallen mir anfangs ein bisschen schwer, das Rad ist zwar sehr wendig, aber man muss ihm das erst einmal zutrauen. Nach ein bisschen Eingewöhnung lenke ich couragierter und komme mit den Spitzkehren klar.

Was die Wendigkeit angeht, und das Fahrverhalten im Schritttempo, ist mir mein Hardtail lieber: Das Enduro ist einfach verdammt lang und hoch. Auch muss ich beim Enduro daran denken, dass ich mich nicht so leicht zwischen Büschen und Bäumen durchfädeln kann wie sonst. 

Mein Grundtempo ist jedoch deutlich höher, die Linienwahl weniger relevant, da Gefühl für den Untergrund auch nicht so wichtig: Es rollt! Anlieger machen definitiv mehr Freude: Wusch-wusch, durch! Ein Grinsen auf dem Gesicht. Steinige und verblockte Trails fliegen nur so dahin, durchgeschüttelt werden war mal. Alles in allem ein tolles Teil. Das Einzige, was gar nicht geht, ist der Sattel: Das ist bekanntlich sehr individuell; und ich bin begeistert von den Specialized-Modellen! 

Langfristig allerdings wäre ein Enduro ein tolles Zweitgefährt. 

Wenn ich mal im Hochgebirge unterwegs bin. Da kann so ein Gefährt all seine Stärken ausspielen. Trailspaß garantiert! - Und bei meiner Körpergröße vielleicht eher mit 27,5“-Laufrädern. Ein Race-Fully dürfte ebenfalls dazu kommen. - Und eine XTR-Gruppe wäre auch nicht verkehrt….

 

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