Teil 2: Trainingslager des Team Alpecin in Kaltern – ein Erlebnisbericht


Nachdem ich euch bereits vor kurzem über das Trainingslager des Team Alpecin berichtet habe, möchte ich heute etwas mehr über unseren Trainingsalltag vor Ort berichten. Und es ging am Mittwoch gleich gut los! Wir hatten noch keine Zeit die Atemwege zu checken, schon fanden wir uns auf der Wiese neben dem Pool wieder. Stefan demonstrierte diverse Übungen, um die Muskulatur, insbesondere im Rücken-, Becken- und Bauchbereich, zu stärken. Das ist essentiell, um 10 Stunden im Sattel zu sitzen, ohne massive Probleme mit der Haltung zu bekommen. Schnell wird klar: dies wird schmerzhaft für mich.
Während die übrigen Teilnehmer mehr oder minder locker nachturnen (selbst unser lieber Öhi), stellen mich selbst kurze Einheiten auf die Probe. Rampen mit 20 Prozent lassen den Schweiß nicht so rasch fließen wie diese (absolut notwendige) Plackerei. Immerhin wurde mir so auf die harte Tour vor Augen geführt, wo meine Defizite liegen. Vorturner Stefan könnte wahrscheinlich den ganzen Tag in diesen Posen verharren, dank der Muskulatur an Stellen, die ich vorher nicht kannte.
Fahrtechniktraining mit Jörg Ludewig
Nach dem Frühstück war dann das Fahrtechniktraining Premiere mit Lude. Wer bremst verliert, wer nicht bremst mitunter aber auch seine Gesundheit. Wir lernen, mit den sehr sehr leichten und noch viel geileren Lightweights zügig zu stoppen. Erste Erkenntnis: vorn wird gebremst und hinten verzögert. Arsch auf den Sattel, um unnötigen Gummiabrieb am Hinterreifen zu verhindern. Ein Hindernissparcour und Bunnyhop erhöhen im Laufe der Zeit den Schwierigkeitsgrad, wir werden schneller und mutiger. Lude lobt, dass ich trotz hohem Systemgewichts (ein jeder weiß, dass das Rad ein Hauch von Nichts ist) rasch zum Stillstand kommen würde.


Unsere illustre Gruppe machte also rasch Fortschritte und unser Coach ist sichtlich zufrieden. Auch ich fühle mich mittlerweile fitter und fahre im Anschluss mit der langsamen Gruppe um Stefan und unseren Local Thomas Weiss die erste amtliche Trainingsrunde jenseits der 100 Kilometer. Die ersten 25 Kilometer geht es überwiegend flach an der Etsch Richtung Norden. Kurz hinter Bozen folgt die erste Rampe hinauf gen Mölten. 800 Höhenmeter kommen auf 8 Kilometern auf uns zu, da man muss man weder Rechengenie noch Radprofi sein, um zu wissen, dass wir eine steile Welle vor uns haben.
Am Fuß der Rampe mahnt Stefan noch, es zur Abwechslung mal locker angehen zu lassen und meinen Hangauftrieb-Trieb zu ignorieren. Gelingt auf dem ersten Kilometer, dann wird mir irgendwie fad und ich möchte demonstrieren, dass ich eigentlich in die schnelle Gruppe gehöre. Also hefte ich mich an Philipps Fersen und wir pedalieren zügig aber munter palavernd in die Höhe.


Die restliche Runde verläuft „wellig“ auf einem Hochplateau (ca. 1.200 Meter) weiter bis auch schon die erste Abfahrt naht. Wir haben genug Gelegenheit, auf den folgenden 900 Höhenmetern hinab nach Meran das Gelernte unseres Techniktrainings anzuwenden. Das hilft aber nur bedingt bei den stockdunklen Tunneln, Geisterbahnfeeling inklusive. Die Gänsehaut wird im Anschluss mit einem warmen Cappuccino bekämpft! Danach rollen wir flach und geruhsam zurück nach Kaltern. Der Sigma ROX 10.0 weist am Ende des Tages 108 Kilometer und 2000 Höhenmeter aus.
Neue Carbonlaufräder für das Team
Abends erhalten wir von dem kongenialen Lightweight Duo Oli und Gregor die Einweisung in unsere Carbonlaufräder mit Schlauchreifen. In über 2 Stunden werden mir viele Ängste genommen, beispielsweise jene bei nassen Abfahrten oder Pannen direkt nach einem Taxi zu schreien oder mit der permanenten Angst zu leben, dass harte Bremsmanöver Reifenplatzer und Delamination der Felgen provozieren könnten. Jene Phobien haben letztlich keine Berechtigung und mein Vertrauen in die moderne Technik, die hinter meinem Meilenstein Tubeless steckt, ist merklich gestiegen! Danke hierfür.


Fahrtechniktraining Teil 2
Am Donnerstag stand wieder schmerzhaftes Coretraining auf dem Programm. Meine nicht vorhandene Bauchmuskulatur erinnert sich noch heute daran! Danach ging es ab zum Frühstück und zum Fahrtechniktraining Teil II – Geschicklichkeit steht auf der Agenda, genau mein Fachgebiet als Grobmotoriker. Die Aufgabe besteht darin, eine stehende 0,5l Trinkflasche während der Fahrt aufzuheben. Gelenkig wie ich bin, verfehle ich das Ziel bei den ersten Versuchen nur um wenige Meter, während die übrigen Kollegen meist im ersten Versuch erfolgreich sind und später auch liegende Exemplare ergreifen. Erfolg nach Take 80 und einem psychischen Kniff - ich biiiin die Flasche - und zwar in jeder Hinsicht! Immerhin bewältige ich den Hindernissparcour abermals mit ordentlich Schwungmasse – bin wohl doch kein hoffnungsloser Fall.
Danach werden wir wieder auf Südtiroler Straßen losgelassen, mit gemeinsamem Start im Riesenpulk. Für die langsamere Truppe, in der ich zu meinem leichten Unmut eingeteilt bin, wird es eine erholsame 100km Runde - überwiegend flach. Bevor nach der Runde die Geschmacksrezeptoren jedoch wieder stimuliert werden, analysieren wir noch meine Leistungswerte, die 10 Tage zuvor in Bielefeld im Rahmen des Stufentests ermittelt wurden.


Keine große Überraschung, ich kann ordentlich Watt keulen, aber die Grundlagenausdauer hat noch viel Spielraum. Hier wird nach dem Trainingslager im Rahmen maßgeschneiderter Trainingspläne (in Abhängigkeit der freien Zeit, die ich für mein Hobby erübrigen kann) der erste Ansatz erfolgen. Ich verabschiede mich geistig von schnellen Ritten mit meiner neuen Waffe im Rheingau sowie der ein oder anderen persönlichen Bestzeit am Berg, die ich im Visier hatte. Das diesjährige Ziel sind klar Ötztaler und Endura Alpen-Traum.
Der letzte Trainingstag
Ein Blick auf den Kalender bestätigt meine Befürchtung, der letzte Trainingstag ist angebrochen. Fahrtechniktraining III, schnelle Kurvenfahrt und Geschicklichkeit. Gen Nachmittag droht feuchtes Ungemach, daher brechen wir schnell auf. Ich darf endlich mit Lude und den schnellen Jungs hochpulsiger unterwegs sein. Vom Start weg wird das Tempo hoch gehalten und mit knapp 300 Watt geht es direkt hoch gen Kaltern. Krönung des heutigen Tages wird die Auffahrt zum Gampenpass sein. Die folgenden 1200 Höhenmeter verteilen sich humaner als der steile Anstieg zwei Tage zuvor, lediglich 7 Prozent im Mittel stellen keinen Teilnehmer vor eine unüberwindbare Herausforderung. Hier gilt es seine Kräfte sinnvoll zu verwalten. Der Dehnmessstreifen in der Kurbel hilft ungemein und zeigt zuverlässig die erarbeitete Leistung an.


Gemeinsam werden etliche Höhenmeter ab dem Mendelpass Richtung Kaltern vernichtet, die Fettverbrennung wird im Etschtal durch Eisverzehr im Zaum gehalten. Um eine negative Kalorienbilanz in dieser Woche zu verhindern, laden wir die Speicher nochmals großzügig mit Pasta auf! Für das grandiose letzte Abendmahl findet sich also noch Raum, schön blöd wer da jetzt schwächelt.
Wehmut macht sich langsam unter allen Teilnehmern breit. Worte des Dankes an alle Mitwirkenden fallen und Organisatorisches zu künftigen Veranstaltungen wird besprochen, bevor wir isotonische Hopfengetränke oder den hiesigen Traubensaft konsumieren. Ich bemerke eine gewisse Müdigkeit in den Gliedern, daher verlasse ich die Abschlussparty einigermaßen zeitig und recht nüchtern. Die Anreise ist doch noch gar nicht so lange her, dass soll eine Woche gewesen sein? Die Zeit ist verflogen.
Verwundert drehe ich den Zündschlüssel und sehe unsere Herberge im Rückspiegel entschwinden. Die kommenden Events, in Miriams und meinem Fall das Jedermannrennen Frankfurt Eschborn, sind auch nicht mehr fern. In großer Runde finden wir uns an Pfingsten beim Rhönmarathon in Bimbach wieder, ein guter Indikator für unsere Form, der sich hinter Ötzi & Co. nicht verstecken muss. Ich freue mich schon sehr darauf, bis dahin habe ich genug Zeit, die tollen Eindrücke zu verarbeiten.
Euer Florian
Bilder: Björn Hänssler

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