Teil 2: Das Team Alpecin beim Rhönmarathon


Da bin ich wieder! Nachdem ich euch im letzten Artikel bereits über die schwierige Strecke und meine Probleme mit dieser verfluchten Pedale berichtet habe, geht es nun in die letzte Hälfte der 238km des Rhönmarathons, welchen ich mit meinen Teamkollegen vom Team Alpecin in Angriff genommen habe.
Schweiß in den Ohren dämmt die Knarzgeräusche, ich bin langsam zu kaputt, um mein Specialized permanent in Schutz zu nehmen, das ich mittlerweile so lieb gewonnen habe. Alles nur, weil die ollen Pedale so rumkrakeelen, damit repräsentiere ich das Team nicht wie gewollt. Ich werde sicherlich nicht als schnellster Teilnehmer in die Annalen eingehen, aber möglicherweise als der Lauteste.
Die Kräfte schwinden
Die Sennhütte ist erreicht, von ehemals 300 Watt, die ich anfangs in die Anstiege investieren konnte, sind noch 225 Watt geblieben. An der Streckenteilung überlege ich kurz, ob es nicht doch die 202er Strecke werden soll, möchte aber unbedingt mein gestecktes Ziel erreichen, auch wenn die Umstände mittlerweile extrem sind. Meine längste Tour betrug bis dato 185 Kilometer mit einem ähnlichen Höhenprofil, im Nachhinein Kindergarten. Auch der Cinglés im vergangenen Jahr (drei Mal den Ventoux hoch an einem Tag) blieb mir nicht ganz so kräftezehrend in Erinnerung. Die Hitze spaltet die Radlergemeinde, man kann genau beobachten, wen die aktuell 32°C tangieren und wer noch renitent ist. Noch 215 Watt kann ich auf den folgenden 270 Höhenmetern aufbringen. Der Leistungscountdown zählt rückwärts.


Jetzt fährt jeder nur noch für sich
Die Labe in Kaltensundheim nach den zwei mittelschweren Hügeln ist nur von den Langdistanzlern und fleißigen Helfern bevölkert, die auch mächtig ins Schwitzen geraten. Ich treffe ein letztes Mal Alex, Gregor und Sebastian, die im Pulk fahren und nur noch nicht gnadenlos davongezogen sind, weil ein Reifenschaden den großzügigen Vorsprung verhinderte. Es ist recht still geworden, jeder Fahrer konzentriert sich darauf, den Speicher mit Kuchen und Brötchen rasch zu füllen.
Ich vertraue den salzigen Crackern und leere rasch einige Becher mit Wasser. 73 Kilometer & 1.150 Höhenmetern Restprogramm. Mechanisch trete ich weiter, Salz färbt das Oberrohr weiß, ebenso wie Trikot & Hose. Im Windschatten kann ich an Mitfahrern dran bleiben, an Führungsarbeit aber keinen Gedanken verschwenden, obwohl ich ansonsten immer erpicht bin, meinen Teil beizutragen statt nur zu lutschen. Berghoch bin ich in der Regel allein, werde zumeist überholt, begegne aber auch Kollegen die wirklich fertig sind, Meter um Meter im kleinsten Gang sammeln, sodass ich gar keinen Anlass zur Klage haben dürfte. Zwar sind die langen Anstiege vorbei, aber jede kleine Rampe kostet rare Energie.




Die Strecke und das Wetter zollen Tribut
Dabei sind die Beine nicht mal sonderlich müde, es ist nur einfach keine Leistung abrufbar, Watt & Puls gehen nicht über den mittleren GA1 Bereich hinaus, irgendwie frustrierend, da dies nicht einmal mit einem Hungerast zu erklären ist. Mit über 9.000 Kilometer Saisonkilometern (und sehr hohem Grundlagenanteil) seit Anfang Dezember zweifle ich an meiner Leistungsfähigkeit sowie dem Selbstverständnis als ambitionierte Hobbylusche, die ich einen Monat zuvor in Frankfurt-Eschborn bei einer guten Performance auf der Feldbergrunde noch wahrnahm.


36,5 war damals mein Schnitt, diese Zahl weist mein Sigma Rox nun als Temperatur aus. Der digitale Kollege würde es auch nicht wagen, mich zu belügen. Ich schenke ihm Glauben und mache das Beste aus dem, was mein Reservetank noch hergibt. An der vorletzten Labe treffe ich Sascha. Er wollte die Marathonstrecke fahren, hat aber zu Beginn versehentlich den Ebersberg, die steilste Rampe des Tages, mitgenommen. Auch er ist dezent abgekämpft. In seinem (wie auch Jörns) Heimatrevier rund um Hamburg sind aber auch Brücken, Deiche & Gullydeckel die höchsten Erhebungen.
Hier in Gotthards sind jedenfalls Fahrer aller Strecken & Couleur wieder vereint. Die vielen motivierten Helfer sind geschwind bei der Sache und tragen Sorge, dass jeder Teilnehmer mit kostbarem Nass oder Nahrung versorgt wird. Eine Handvoll Cracker bringt neue Energie, Salz auf den Handschuhen zusätzliche Würze. Den folgenden Hang stürme ich geradezu hoch, kassiere einige Radler und tanke ein wenig Selbstbewusstsein. Dieses Strohfeuer hält bis zur letzten Labe in Margretenhaun, wo ich mich legal mit Koffein dope (orale Zufuhr, keine Anwendung in den Haaren).


Die letzten Kilometer
Noch 28 Kilometer. Bimbach ist so nah wie die Speicher leer. Sternenhimmel an einem Sommernachmittag, merkwürdig. Ich nehm nochmal raus, rolle an Fulda vorbei und ärgere mich über Mitstreiter die rote Ampeln ignorieren, auch wenn motorisierte Verkehrsteilnehmer Mangelware sind, da vermutlich im Freibad nach Erfrischung suchend. „Bimbach 3 Kilometer“ – das schönste Verkehrsschild, das ich je wahrnahm, noch viel besser als das Runde der Aufhebung aller Geschwindigkeitsbeschränkungen. Damit könnte ich nun ohnehin nichts anfangen, habe den Eindruck selbst in einer Spielstraße mit meinem Tempo nicht mehr unangenehm aufzufallen.
Der rote Alpecin-Zielbogen wird passiert, ich habe soeben 238 Kilometer & 4.500 Höhenmeter in unter 9 Stunden reiner Fahrzeit bewältigt. Glück durchflutet den schlappen Torso, verdrängt Missmut ob des Einbruchs nach der Hälfte. Ines & Thomas, liebe Lauterbacher, die den Rhönmarathon schon lange begleiten, gratulieren als Erste, gefolgt von den Teamkollegen denen die Strapazen auch mehr oder weniger anzusehen sind. Ich bin als Letzter von der langen Distanz zurück. Das hatte ich mir anders vorgestellt, bin aber nicht enttäuscht. Ich hoffe in zwei Monaten aber auf andere Verhältnisse und mehr Kraft, die ich eigentlich aufs Pedal bringen sollte.


Ein harter Tag geht vorbei
Der ein oder andere isotonische Hefesaft wird noch am Abend getrunken und Tageserlebnisse ausgetauscht, schon naht der Abschied. Das erste große Event haben wir alle unfallfrei gemeistert. Manches Teammitglied hat seit Kaltern gewaltige Leistungssprünge gemacht, wie z.B. Lukas oder Martin und so bewiesen, dass Training & Fahrtechnikunterweisungen fruchtbar waren. Auch ich ziehe ein sehr positives Fazit und denke gerne an Bimbach zurück.
Ein herber aber wirklich geiler Ritt liegt hinter mir, führte mich an mein Limit, lehrte mich bei hitzigen Umständen mit den Kräften besser Haus zu halten und nebenbei was der Magen bei Belastung verträgt oder eben auch nicht. Wir sehen uns wieder, Bimbach! Danke für die Gastfreundschaft. Ötzi, wir kommen und ich werde für euch berichten!
Euer Alpecini Flo
Bilder: Team Alpecin

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