Teil 2: 24 Stunden von Bayern - Wandern bis zum „Geht nicht mehr!“

In unserem ersten Bericht über die 24 Stunden von Bayern konnten wir euch bereits ein erstes Gefühl für unseren anstrengenden Weg geben. Die erste Etappe und somit auch der Tag neigte sich also langsam dem Ende entgegen und die einbrechende Nacht sollte uns nicht nur mit Dunkelheit, sondern auch mit einem einsetzenden Sommersturm auf Trab halten!

Die Nachtstrecke
Monika hatte sich bei der Pause erstaunlich gut erholt. Ein Kinesio-Tape verlieh dem Knie und Oberschenkel nun zusätzliche Stabilität und mit Wanderstöcken bewaffnet schritt sie, nur noch wenig humpelnd, neben mir her. Ich hatte meine Waden- und Oberschenkelmuskulatur mit Tigerbalsam eingerieben, sodass ich erfrischt loslaufen konnte. Meine Kopfschmerzen, durch die Hitze am Tag, waren auch fast verschwunden und ich hatte, Gott sei Dank, keine Blasen. Nur noch schätzungsweise die Hälfte der Wanderer hatte sich für die Nachtstrecke entschieden und viele waren schon unterwegs.
Sommersturm als Begrüßung
Doch in dem Moment, als wir um 20:45 Uhr starten wollten, verfinsterte sich der Himmel und kräftige Windböen wirbelten alles durcheinander. Ein ergiebiger Regenguss zwang uns in einen Unterstand und wir warteten gemeinsam mit anderen Mutigen ab, bis der Regen etwas nachließ. Jetzt aber los, sonst wird das nichts mehr! Es war mir wichtig, dass wir die Zeitpforten im Dreiburgenland im angegebenen Zeitkorridor erreichten, falls wir nicht mehr konnten und den Shuttle-Busservice nutzen mussten.
Der Regen hörte bald auf. Er hatte etwas Abkühlung gebracht, aber es war immer noch so warm, dass wir im Shirt laufen konnten. Die Icebreaker-Shirts und die Goretex-Jacken waren dabei überaus angenehm, wir waren trocken und warm. Schon nach einer Stunde kamen uns Wanderer entgegen, die zurückgingen: „Wir wissen, wann es reicht!“ Mein Blick in Monikas Gesicht zeigte mir auch ihre Bedenken. Noch lief es, aber beim steileren Anstieg hinauf zum Fürstenstein wurde sie langsamer und langsamer, an der Shuttlebushaltestelle lief sie tapfer vorbei.

Nachstrecke über Waldwege
Die Nachtstrecke führte bisher, zum Glück, meist über weiche Waldwege. Ich frage mich jetzt noch, wieso ich meine Wanderstöcke nicht mitgenommen habe...? Sie hätten meine Beine entlastet und ich hätte mehr Sicherheit beim Laufen. In der Nacht war zudem eine höhere Konzentration auf den Weg erforderlich. Die Schilder waren nur noch schlecht zu erkennen und ich hatte gerne Wanderer vor mir, die einen leuchtenden Regenschutz über den Rucksack gezogen hatten. Neongelb ist die absolut beste Farbe, wenn man gesehen werden will. Die Stirnlampe war bei bedecktem Himmel und im Wald jedenfalls unverzichtbar.
Meist im Gänsemarsch zogen wir durch den Wald, bis uns plötzlich Robin Hood und seine Räuber zu einem Trunk und einem Bogenschuss in ihr Räuberlager einluden. Eine kleine Stärkung und wir zogen weiter. Nicht weit entfernt trafen wir auf das Keltenlager. Kurz hinsetzen und verschnaufen mussten wir schon, aber zum Grillen eines Stockbrotes am Lagerfeuer fehlte uns die Muße.

Monikas Ausstieg
Als wir wieder aufstanden und weitergingen, stand es fest: Monika konnte nicht mehr. Die meisten Auf- und Abstiege lagen noch vor uns und das war mit ihren Knieschmerzen einfach nicht zu bewältigen. Selbst die Aerobic Gruppe, die zu fetziger Musik einen Tanz mit Leuchtbändern darbot, konnte Monika nicht mehr motivieren. Ich fühlte mich durch die körperliche Herausforderung noch voll fit, war hellwach und wollte unbedingt weiterlaufen.
Aber mir war klar, dass ich nicht alleine laufen wollte, sondern mich an jemand dranhänge. Matthias und Katharina von der Tagestour hatten wir im Keltenlager wieder getroffen und die beiden waren auch alleine unterwegs. Ihre Freunde hatten solche Blasen, dass nichts mehr ging. Bereitwillig nahmen sie mich in ihr Team auf. Nach 11 km Nachtstrecke verabschiedete ich mich kurz vor Mitternacht von Monika und wanderte mit meinen neuen Begleitern weiter.

Neue Begleiter für die letzten Stunden
Wir liefen ziemlich flott weiter, rauf und runter und wir hatten uns viel zu erzählen, so dass keine Müdigkeit oder Langeweile aufkam. Bald stellten wir fest, dass Matthias schneller unterwegs war als wir Frauen und so fanden dann auch Katharina und ich unseren gleichen Rhythmus. Zeitweise war soviel Feuchtigkeit in der Luft, dass sich das Licht unserer Stirnlampen im Nebel streute. Ein Obstbauer am Weg bot frischen Apfelsaft an, der uns neue Energie gab. Kurz vor der Westernstadt „Pullmann-City“ boten ein paar Leute aus dem Dorf zur Stärkung Kräuterliköre und Schnaps an. Wir ließen uns nach erstem Zögern doch zu einem Gläschen ermuntern und es hat uns wirklich gut getan.

In der Westernstadt legten wir dann bei einer recht salzigen Kartoffelsuppe mit Würstchen eine 30-Minuten-Pause ein. Als wir gegen 2 Uhr wieder aufbrachen, begann es erneut so heftig zu regnen, dass wir sogar die Regenhosen überziehen mussten. Das brauchten wir nun wirklich nicht! Es ging die nächste Zeit nur aufwärts und es war stockfinster im Wald. Gefühlt waren wir drei alleine unterwegs. Hatten die anderen alle aufgegeben? Oder waren wir die Letzten?
Der Pfad wurde immer unwegsamer und Katharina immer stiller. Sie lief stur hinter meinem Rucksack her und ich drosselte mein Tempo etwas, um mich ihrem Rhythmus anzupassen. Wie aus dem Nichts tauchte im Wald eine kleine Gruppe netter Menschen auf, die uns mit Muffins und Getränke versorgte. Solche Momente bauen dich immer wieder auf! Doch lange dauerte die Pause nicht. Wir spürten unsere Kräfte schwinden und wir wollten einfach nur noch ankommen.

Während der einsetzenden Morgendämmerung zog sich feuchter Dunst durch die Täler – und wir waren immer noch am Wandern. ‚Wie verrückt muss man eigentlich sein um so was mit zu machen?’, fragte ich mich am Tiefpunkt meiner Kräfte. Da, Liegestühle zum Ausruhen und nur noch 5 km bis zum Ziel! Jetzt bloß nicht hinsetzen, da kommst du nie wieder hoch! Eine Trommlergruppe an der Engelsburg startete einen letzten Versuch uns zu einer Pause zu verführen, doch nichts konnte uns jetzt mehr aufhalten. Der Abstieg von der Burg war noch mal richtig heftig. Das viele Asphaltwandern forderte nun seinen Tribut und ich verfluchte meine fehlenden Stöcke.
Endlich am Ziel
Nach einer gefühlten Ewigkeit sahen wir endlich das Museumsdorf, unser Ziel! Um 6 Uhr liefen wir nach 22 Stunden Wandern ein und wurden mit einem Glas Sekt empfangen. Geschafft! Schuhe aus, Strümpfe aus und nur noch Sitzen. Während wir auf das Frühstück warteten, kam auch Monika, deren Bein sich nach ein paar Stunden Schlaf wieder erholt hatte. Sie gratulierte mir mit einer herzlichen Umarmung und einem: „Man bin ich stolz auf dich!“

Natürlich frühstückten wir noch gut, hofften bei der Verlosung gemeinsam mit den neuen Freunden auf einen Gewinn und ich fiel um 9 Uhr todmüde, aber mächtig stolz, für einen vierstündigen Komaschlaf ins Bett. Dann ging’s mit dem Zug wieder Richtung Heimat. Monika und ich sind uns einig: Das war ein tolles Event, das nur Gewinner hat!
Bilder: engelhorn sports
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