Swiss Irontrail – beyond the limits 2012


Wo sind unsere läuferischen Grenzen? Bei 80, 100 oder 200 Kilometer? Bei 1.000, 4.000 oder 8.000 Höhenmetern? Wir, Claus Wagner und Günter Frietsch, haben uns 2009 beim "Chiemgauer 100" – einem Ultralauf in den Voralpen über 100 km und 4.400 Höhenmeter – zusammengefunden und wollen seither mehr. Im letzten Jahr stapften wir im Winter mit Pulka und unseren beiden Hunden (Scotty & Bosko) 30 km durch den Rondane Nationalpark in Norwegen, finishten wieder beim "Chiemgauer 100" und während Claus beim Fidelitas Nachtlauf in Karlsruhe 80 km absolvierte, lief ich beim "Kill 50" 80 km durch die kalte Novembernacht im Hildesheimer Wald.
Zeit für neue Herausforderungen: Der Swiss Irontrail
Die Zeit war reif für neue Herausforderungen – wir waren reif für den Swiss Irontrail. Der Irontrail ist die Schweizer Antwort auf den legendären Ultratrail Mont Blanc (168 km mit 9.600 Höhenmetern) und will diesen noch übertreffen: Es werden vier verschiedene Strecken von 21 km bis 201 km angeboten – die längste soll mit 12.000 Höhenmetern alles toppen, was es bisher in den Alpen gibt. Wir hatten uns bereits Ende 2011 für den T141 über 138 km und 8.000 Höhenmeter entschieden. Der Trail führt von Pontresina (bei St. Moritz) nach Chur und die Eventpremiere war am Freitag, den 6. Juli 2012!
Große Ziele motivieren zu viel Training. Während Claus sich die Kraft und Ausdauer für die langen Anstiege in den Alpen auf der landschaftlich herrlichen Strecke des PfalzTrails im Pfälzerwald holte, absolvierte ich mein Bergtraining in der Sächsischen Schweiz, im Zittauer Gebirge und auf der Radebeuler Spitzhaustreppe, auf der ich 2005 beim "Mt. Everest Treppenlauf" mit 84,4 km und 8.848 Höhenmeter meinen ersten Ultra lief.
Letzte Vorbereitungen
Wir trafen uns am Donnerstag in Garmisch und tuckerten mit Claus' altem Wohnmobil im ersten Gang über den Fernpass Richtung Schweiz. In Pontresina kamen wir an einem herrlichen Campingplatz in Plauns unter. Am Nachmittag besuchten wir kurz die etwas unscheinbare Laufmesse und die Startnummernausgabe für die ca. 350 Teilnehmer des T201, der am Freitagmorgen um 9:00 Uhr starten sollte. Abends angespanntes Vorpacken unserer Laufutensilien. Alles dabei? Zum x-ten Mal die vorgeschriebene Pflichtausrüstung gegengecheckt: Erste Bekleidungsschicht, Langarmshirt, lange Überhose, Regen-/Windschutz, Rettungsdecke, separate Trinkflasche, Stirnlampe, Ersatzbatterien, GPS, Karten etc. – Laufen im Hochgebirge bedeutet, auf alle Witterungsänderungen und mögliche Zwischenfälle so ausgerüstet zu sein, dass man im Notfall autark zurechtkommt. Dann die Beutel für die Versorgungsstationen und das Ziel gepackt. "Beim Start um 21 Uhr soll es noch ein bisschen regnen, aber dann wird das Wetter besser – ihr habt ideale Laufbedingungen" meinte Gabi Gründling von der Deutschen Ultramarathon Vereinigung, als sie von der Pressekonferenz zurückkam.
Am Freitagnachmittag wurde zuerst unsere Ausrüstung überprüft, bevor wir die Startnummern erhielten und unsere Versorgungsbeutel abgaben. Unseren Bus parkten wir am Bahnhof, da wir nach dem Lauf dort per Bahn wieder ankommen sollten – Duschzeug und trockene Kleidung für die Rückfahrt hatten wir nach Chur aufgegeben.
Startschuss für 138 km und 8.000 Höhenmeter

Bei regnerischem Wetter finden wir uns mit ca. 150 anderen Ultratrailern im Startareal ein. Nervöses Auftanken mit Wasser und noch schnell ein Stück Kuchen, Scotty zerrt aufgeregt an der Leine. Beim "Briefing" vor dem Start wird eigentlich nichts Wichtiges vermittelt. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Überall wird noch ein letztes Bild geknipst. Der Countdown startet– Claus und ich umarmen uns nochmals ermunternd und dann geht es los! Zunächst locker bergab Richtung St. Moritz. Dort angekommen, führt ein steiler, langgezogener Treppenkomplex raus aus der Stadt zum Anstieg auf den Piz Nair, der mit seinen 3.022 m nach ca. 16 km der höchste Punkt des Laufes ist. Beim Verlassen der Stadt ist es dunkel. Das Gros des Läuferfeldes bildet mit seinen Stirnlampen eine faszinierende Lichterkette, die sich über die steilen und schlammig-rutschigen Serpentinen langsam nach oben windet. Es ist kalt, der Regen wird phasenweise stärker und je höher wir kommen, desto stärker bläst auch der Wind. Kurz vor der Bergstation der Seilbahn des Piz Nair hole ich meinen Regenschutz und die dicken Handschuhe raus. Die Temperatur ist nahe null Grad, teilweise setzt Schneeregen ein. Die Hände sind klamm vor Kälte, die Kleidung von Schweiß und Regen völlig durchnässt. Ich erreiche zeitgleich mit Claus die Seilbahnstation, wo das Läuferfeld sich versammelt. Sobald man zum Stehen kommt, setzt Zittern ein.
Schlechte Witterung zwingt uns zu einer Alternativroute
Der Lauf ist unterbrochen und darf wegen schlechter Witterung nicht mehr in Richtung Gipfel fortgesetzt werden. Einige Läufer werden stark unterkühlt mit der Seilbahn ins Tal gebracht, während bei uns oben der Veranstalter improvisierend eine Alternativroute erkundet. Nach ca. 20 Minuten soll der Piz Nair auf unmarkierten Wegen in Richtung Alp und Pass Sulvretta umgangen werden. Rascher Abstieg – Abzweig zur Alp verpasst – eine andere Gruppe von Läufern, die sich ebenfalls verlaufen hat, kommen uns entgegen – also wieder hoch. Mühsam, windig, nasskalt, rutschig – der steile Anstieg reißt bald das Läuferfeld auseinander. Irgendwann bin ich sogar ohne jeglichen Sichtkontakt zu irgendwelchen Läufern vor oder nach mir alleine. Die Wegsuche gestaltet sich mühsam und ich entwickle mich zum alpinen Fährtenleser, bis ich auf die Schneefelder vor und auf dem Pass Sulvretta stoße. Oben angekommen, sehe ich gerade noch das von der Bergwacht ausgeleuchtete Ende der Gruppe vor mir. "Das Rennen wurde abgebrochen! Hier darf niemand mehr weiter – bitte umkehren und einfach talabwärts bis zum nächsten Posten laufen!". Ich kehre um und sammle noch drei weitere Läufer hinter mir auf. Im Laufschritt talabwärts, damit man nicht ins Frösteln kommt. Einige hundert Meter tiefer geht kaum noch Wind und gleich ist es gefühlt 10 Grad wärmer. Zwei Streckenposten bieten uns was zu trinken an, bevor wir 20 Minuten später einen Posten der Bergwacht erreichen und zu einer Sammelstelle in einer Tennisanlage in St. Moritz gebracht werden.
Notlagerstimmung
Dort ist Notlagerstimmung: Eingehüllt in Rettungsdecken, Wolldecken oder große Jacken der Freiwilligen Feuerwehr von St. Moritz warten wir auf die letzten Läufer. Claus, der ja mit Scotty noch über den Pass Sulvretta gekommen ist, kommt etwa eine Stunde nach mir so gegen 4:30 Uhr an. Kaffee, Schokolade, Kuchen, alkoholfreies Bier – erste Diskussionen ohne genauere Informationen. Wir werden zu unserem Bus gebracht, mit dem wir zum Campingplatz fahren, wo wir entspannt und noch nicht richtig müde eine angebrochene Flasche Rotwein leertrinken, bevor wir uns so gegen 8:00 Uhr für zwei Stunden schlafen legen.
Unsere Learnings für den Pfalztrail
Das Management der Veranstaltung löste im Nachgang heftige Diskussionen aus, die das Gästebuch der Internetseite überquellen ließen (www.irontrail.ch). Als Veranstalter des PfalzTrails (www.pfalztrail.de), der in Hertlingshausen am 6. Oktober 2012 erstmalig stattfinden wird, haben wir natürlich eine besonders kritische Sicht auf die organisatorische Bewältigung von solchen Krisensituationen. Wir ziehen aus den Ereignissen in der Schweiz auch im Hinblick auf unseren Trail im Herbst unsere eigenen Schlüsse. Sicher werden wir keine überraschenden Kälteeinbrüche bei Schneeregen in hochalpinem Gelände haben. Trotzdem: Auch in der Pfalz kann es massive Gewitter und starke Stürme geben, die Leib und Leben der Teilnehmer gefährden können. Hier wurden bereits klare Abbruchkriterien definiert. Beim PfalzTrail werden wir vor allem von der  Rettungshundestaffel, dem ortsansässigen DRK und der Feuerwehr maßgeblich beim Aufbau einer zentralen Rettungsleitstelle unterstützt. Auch wenn wir keine Pflichtausrüstung vorschreiben und ein tolerantes Zeitlimit für die Bewältigung der angebotenen Strecken eingeräumt haben, behalten wir es uns vor, Läufer/Walker, die den Anforderungen nicht gewachsen zu sein scheinen, nach entsprechender medizinischer Beurteilung aus dem Rennen zu nehmen. Traillaufen stellt damit deutlich höhere Ansprüche an die Eigenverantwortung der Teilnehmer, als dies bei gängigen Straßenläufen in den Städten der Fall ist.
Fazit
Der Swiss Irontrail ist mit Sicherheit ein toller Lauf in einer tollen Landschaft – extrem, hart und beyond the limits. Ob wir den Lauf nochmals in Angriff nehmen werden, entscheiden wir wieder Ende des Jahres – bis dahin wird Claus den Chiemgauer 100 Ende Juli laufen und wir sehen uns zum PfalzTrail am 6. Oktober.
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