Rugby – nichts für Zartbesaitete

Sonntagmorgen: Während der Großteil der Menschen in Deutschland noch im Bett liegt oder am frühstücken ist, sitze ich bereits vor meinem Fernseher. Der Grund: Das Finale der Rugby-Union-Weltmeisterschaft. Frankreich gegen Neuseeland vor 60.000 Zuschauern in Auckland, Neuseeland. Eine Partie von nahezu historischem Ausmaß!
 
Nach der Weltmeisterschaft der Fußballer ist die Rugby-WM die populärste und meist gesehene Weltmeisterschaft der Welt. Dass diese WM nun ausgerechnet in Neuseeland stattfand, verlieh der Veranstaltung noch eine ganz besondere Würze, denn kein Sport ist den Neuseeländern in irgendeiner Form so wichtig wie Rugby Union.
So tanzten die All Blacks, wie Neuseelands Nationalmannschaft genannt wird, ihren Haka, einen Ritualtanz der neuseeländischen Ureinwohner, den die All Blacks vor jedem Spiel aufführen, um den Gegner einzuschüchtern, auch noch intensiver als zuvor. Für die All Blacks ging es um alles. Die Nation dürstete nach einem Titel. Seit 1987, der letzten WM in Neuseeland, hatten die All Blacks keine Weltmeisterschaft mehr gewonnen. Der Gegner von 1987? Natürlich, die Franzosen! Die Geschichte konnte also neu geschrieben werden.
 
Mit Orangensaft und Müsli fieberte ich vor meinem Fernseher dem Showdown entgegen. Was ich sah, war ein zäher Kampf. Über die kompletten 80 Minuten (ein Rugby-Union-Spiel dauert zweimal 40 Minuten) schenkten sich die beiden Mannschaften fast gar nichts, brachten aber selten gute Offensivaktionen zustande – eine wahre Defensivschlacht. Viel Gerangel, noch mehr Herumgeschubse – Rugby wird wohl niemals mein Lieblingssport. Doch wie sich gefühlte 2,50 Meter große, massige Männer in jeden Ball hereinschmeißen, um jeden Zentimeter kämpfen, über und aufeinander springen, das ist sehr beeindruckend.
Als in der 80. Minute beim Stand von 8:7 für die All Blacks, nebenbei dem engsten Ergebnis der WM-Finalgeschichte, das Spiel endete, brachen in Neuseeland alle Dämme. Dieser WM-Triumph bedeutet den Neuseeländern wohl noch mehr als uns der Gewinn einer Fußball-WM. Rugby ist sicher nichts für zart besaitete Menschen, häufig aber auch an Spannung nicht zu überbieten. Deswegen war ich auch froh, mich so früh aus dem Bett gehievt zu haben, um Zeuge dieses Krimis zu werden.
 
picture by © Sonya & Jason Hall, London UK
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