Pfalztrail im Leiningerland: Ambitionierte Ultratrail-Läufer


4:15h aufstehen, anziehen, kleines Frühstück, nochmal kurz die Ausrüstung im Kopf durchgehen, meine Laufkollegin abholen und dann geht es los nach Carlsberg, zum 1. Pfalztrail im Leiningerland. In einem großen Festzelt werden wir sehr freundlich begrüßt. Wir freuen uns über die erste positive Überraschung: zu den Startunterlagen gibt es ein schickes und funktionelles Shirt von Salomon und engelhorn sports. Es ist immer noch dunkel, aber das Zelt füllt sich so langsam mit weiteren Läufern. Dennoch ist es sehr ruhig, irgendwie eine ganz besondere Stimmung. Vielleicht liegt es daran, dass Gegensätze wie Schwere und Leichtigkeit, Aufregung und Ruhe, Gemeinschaftssinn und Einsamkeit, sich hier nahezu überlagern.
Letztes Briefing

Kurz nach 7 Uhr das letzte kurze Briefing. Rot-weiße Bändchen markieren den Weg, eine Handynummer für den Bedarfs- und die 112 für den Notfall. Während ich noch überlege, ob es eine gute Idee ist ohne GPS-Uhr zu laufen, höre ich dumpf etwas von Streckenverlängerung. Denke aber nicht weiter darüber nach. Sicher ein Scherz, um Ultraanfänger wie mich aus der Ruhe zu bringen.
Und dann fiel auch schon der Startschuss zum Pfalztrail
Wenige Meter auf Asphalt bergab durch den Ort, dann bald schon in den Wald und wir laufen im gemütlichen Tempo. Grüppchenweise, wobei sich das Spitzenfeld bereits nach den ersten Anstiegen deutlich absetzt. Als ambitionierte Trailläuferin nehme ich mir den direkten Weg vor, einige Höhenmeter den Abhang hinunter durch den Wald. Nach gut 20 km erreichen wir den ersten Eventpoint.
Ich fühle mich in Topform und gar nicht hungrig, hatte aber hier per „Dropbag“ etwas zu essen deponiert und wollte nicht den gleichen Fehler machen wie im Juni, wo ich viel zu spät zu fester Nahrung gegriffen habe. Obwohl ich nicht alles von meinem Dinkelgrieß mit Honig gegessen habe, fühle ich mich beim Weiterlaufen plötzlich gar nicht mehr locker. Zu allem Überfluss geht es auf Asphalt kerzengerade gut einen Kilometer lang leicht bergauf, was meine Motivation zusätzlich dämpft. Ich versuche es mit positiven Gedanken und kämpfe mich weiter durch.

Beim Lauf: Norman Bücher, Extremläufer, Motivationstrainer und Autor des Buchens „EXTREM“
Nach einigen Kilometern und einem Ultra-Berrygel geht es mir wieder viel besser. Allerdings kämpfe ich seit wenigen Kilometern mit Knieschmerzen. Ein paar Zuschauer motivieren mich und rufen mir aufmunternde Worte hinterher. Nach der Getränkestelle „Schlagbaum“,  ist bei mir an Laufen nicht mehr zu denken. Beim Gehen werden die Schmerzen nach und nach erträglicher.
Die meiste Zeit alleine, überholen mich nun zwei Läufer. Den einen von ihnen kenne ich vom Foto eines Buches. Es ist Norman Bücher, Extremläufer, Motivationstrainer und Autor des Buchens „EXTREM“, welches mich viel über die Wege seine Träume zu verwirklichen gelehrt hat. „Hätte ich jetzt einen Stift dabei, würde ich um ein Autogramm bitten“, rufe ich den beiden nach. Sie verlangsamen ihr Tempo etwas und wir gehen ein etwas steileres Stück gemeinsam. Er erzählt kurz über sein nächstes Ziel, dem Kalahari Extreme Marathon in Südafrika. Leider muss ich die beiden, die noch ganz locker und mit viel Leichtigkeit unterwegs sind, bald ziehen lassen. Der Schmerz nimmt nun wieder deutlich zu und ich erinnere mich an mein Ziel für diesen Lauf. Ankommen und zwar mit Leichtigkeit, innerhalb des Zeitlimits von 12 Stunden.
Streckenverlängerung wegen Sturmschäden
Der weitere Streckenverlauf des Pfalztrails wurde wegen Sturmschäden verlängert, so dass die nächste Station etwa erst bei Kilometer 58, also 5 km später als geplant kommt. Die Strecke führte hier über einen steilen, schmalen Trail. Was mich bergauf noch begeisterte, lässt sich bergab nur mühsam bewältigen. Ich entscheide mich für rückwärts laufen, da ich so relativ zügig und schmerzfrei vorankomme. Irgendwann erreiche ich dann endlich den Vollverpflegungspunkt, wo ich mich mit einem Becher ISO, gesalzener Gurke und einer Portion Kekse stärkte. Meine Laune ist nun deutlich besser ich mache mich zügig auf den weiteren Weg.

Laufend und gehend im Wechsel
Laufend und gehend im Wechsel, legte ich die Strecke weitgehend alleine im Wald zurück, bis ich an eine deutliche Weggabelung komme, an der kein Markierungsbändchen ist. Die wieder gewonnene Leichtigkeit weichr dem unangenehmem Gefühl, mich verlaufen zu haben. Ich überlege wann zuletzt ein anderer Läufer hinter mir war und wie weit ich zurücklaufen müsste, als ein Auto mit Karlsruher Kennzeichen von hinten angefahren kommt. Ich frage,  wie ich am besten nach Höhningen komme. „Da müssen Sie hier links und dann kommen Sie zu einem Parkplatz an dem Leute sind“.
Neue Motivation auf den letzten Metern
Erleichtert und mit neuer Motivation gleich die letzte Versorgungsstation zu erreichen, laufe ich weiter. Nach wenigen Metern ein Parkplatz, keine Leute. Komisch, denke ich, aber vielleicht war meine Interpretation mit der Getränkestation auch nur Wunschdenken. In dem Moment sehe ich deutlich die weiß-roten Bändchen links und rechts vom Weg und laufe den Umständen entsprechend zügig den Waldweg rechts hoch. Da bemerke ich, dass mir das Auto von vorhin folgt. Sie sind mir nachgefahren, um mir zu sagen, ich sei falsch. Es gibt eine kurze Diskussion, denn aufgrund der deutlichen Markierung fühle ich mich sehr sicher. Bis mir die Frau sagte, dies sei definitiv der Weg zur „Burg Battenberg“. Sie wohne hier und kenne sich aus. Was für ein Glück, dass die beiden mich aufgehalten haben.
Alle Kräfte mobilisieren - Schmerz hin oder her
Ich mobilisiere alle Kräfte und entscheide mich – Schmerz hin oder her - doch weiter zu laufen. Nach einigen Kilometern erblicke ich vor mir zwei Läufer. Ob ihrer Meinung nach die Zeit noch ausreiche, frage ich die beiden völlig aus der Puste. Etwas verwirrt, schauen die beiden auf die Uhr und klären mich auf, es sei erst 17:30 Uhr. Vor lauter Aufregung wegen der „falschen“ Markierung habe ich mich scheinbar in der Zeit vertan. Beruhigt über die gute Nachricht und die Sicherheit richtig zu sein, stolpere ich neben ihnen her. Nach ein paar Gel-Chips und mentaler Unterstützung der beiden, kann ich bald wieder normal gehen und später auch flache Stücke laufen.

Freudentränen
Bald schon höre ich, wie der Wind von links Rockmusik und Moderationsstimmen herüberträgt. Da ist er, der magische Moment. Es ist der Augenblick, in dem ich weiß, ich schaffe es. Ich werde das hier zu Ende laufen. Plötzlich ist mir egal, ob und was ich hätte besser machen können. Mein Hals verengt sich und ich wische eine kleine Freudenträne weg.
Die letzten Meter gebe ich nochmal richtig Gas. Am Ortseingang spüre ich kurz den Schmerz einer (vermutlich eben geplatzten) Blase. Ich laufe einfach weiter, kassiere ein tolles Kompliment eines anderen Läufers („Du läufst ja noch wie auf den ersten Metern) und erreiche nach 11 Stunden und mindestens 74, vermutlich sogar ein paar mehr, Kilometern überglücklich den großen blauen engelhorn sports Zielbogen.
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