Paddeln on the rocks

Als wir im Winter 2009/2010 über Silvester in ein Ferienhaus nach Norddänemark fuhren und ich beim Packen unseres Autos ein Wildwasser-Kajak auf das Dach lud, erntete ich einige ungläubige Blicke. Mein Ziel war es, einmal in einem Wintersturm in der Brandung der Nordsee zu paddeln.
 

Wir verbrachten zunächst einige ruhige Tage, machten ausgedehnte Spaziergänge und nutzten die kurzen Tage, um mit unseren Hunden am Strand zu laufen.
Von großen Wellen und Sturm keine Spur. So saß ich abends hoffend vor dem Fernseher und lauschte dem dänischen Wetterbericht. Es solle Schnee kommen hieß es – viel Schnee. Über Skandinavien baute sich ein ungewöhnlich großes Tiefdruckgebiet auf und es wurden zweistellige Minusgrade erwartet. In der Silvesternacht fiel das Thermometer auf 22° C unter Null und am Neujahrsmorgen fing es an zu schneien. Der Wind begann am Haus zu rütteln und das war mein Signal mit den Vorbereitungen zu beginnen.
 

Eine Kontrollfahrt zum Strand zeigte, dass sich die Wellen schon beachtlich auftürmten. Wir montierten die wasserdichten Kameras am Boot und auf dem Helm. Ich zog den Neoprenanzug, die Neoprenhaube, Handschuhe, Helm, Trockenjacke und Rettungsweste – ja einfach alles an, was irgendwie warm hält und schützt.
Wir fuhren wieder zum Strand, das Thermometer zeigte zu diesem Zeitpunkt minus 14° C. Manchmal muss man so was einfach tun – Verständnis dafür hatten wahrscheinlich nur Wenige.
 

Eine Statistik sagt, dass man bei solchen Wassertemperaturen mit Schutzkleidung ca. 10 Minuten überlebt. Während Andreas – unser Kameramann – vom Strand aus sichert, steche ich in See. Es ist wirklich a…kalt. Die erste große Welle bricht direkt über mir ins Gesicht und flutet alles mit Eiswasser. Die Augen brennen vor Salz und Kälte und das Wasser beginnt bereits seine Struktur zu verändern. In direkter Ufernähe wird es schon leicht zähflüssig. Ich bin jetzt 15 Minuten draußen und um den Paddelschaft bildet sich Eis. Es fällt immer schwerer ihn zu umgreifen. Die Kameras sind bereits zugeeist und liefern keine Bilder mehr. Einige große Wellen kommen jetzt in idealer Folge angerollt und lassen sich gut surfen. Das kalte Wasser, das mittlerweile durch die Spritzdecke kommt, kühlt den Sitz zusätzlich und meine Beine beginnen taub zu werden. Ein Däne spricht Andreas an und meint, dass er noch nie bei einem Neujahrsspaziergang jemanden im Meer gesehen habe… kann ich mir vorstellen.
 

Als auch das Helmvisier zuzueisen beginnt, ist es genug. Eine halbe Stunde in der eisigen Nordsee und das bei Windstärke 11. Gut, dass die Standheizung unseren VW-Bus ordentlich vorgewärmt hat. Wir fahren zum Haus zurück und ein Glühwein bringt die Lebensgeister zurück. In den abendlichen Nachrichten wird vom schwersten Wintereinbruch seit den 60er Jahren berichtet. Auf dem Limfjord fahren aus Russland angeforderte Eisbrecher – der Hafen von Skagen ist zugefroren.
 
Manchmal lohnt es also doch, sich auch im Winter mal ins Boot zu setzen, auch wenn es sicherlich angenehmere Ausfahrten gibt.
Drei Tage später soll die Heimreise stattfinden, doch 150 cm Neuschnee und eine durch die Kälte geplatzte Dieselpumpe zwingen uns, unseren Bus in Dänemark zu lassen. Wir nehmen einen Leihwagen und vertrauen darauf, dass in ein paar Wochen ein Sammeltransport des ADAC unser Fahrzeug nach Hause bringt.
 
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