ONGEZA SIPIDI – Lauf schneller!

Falls ihr die Überschrift nicht gleich verstanden habt, kann ich euch beruhigen. Auch meine Swahili-Kenntnisse sind eher überschaubar. Gut, eigentlich beschränken sie sich auf die Begrüßungsfloskeln und eben jenen Ausruf „ONGEZA SIPIDI“, was auf Deutsch etwa so viel bedeutet wie „Lauf schneller!“.
 
Eine Aufforderung, die, wie ich schmerzlich erfahren musste, zur falschen Zeit erheblich nach hinten losgehen kann. Was ich daraus gelernt habe: Man sollte dies besser nicht zu einem kenianischen Läufer sagen. Es sei denn, man kann sehr schnell laufen. Ich habe es ausprobiert und kann mit Stolz behaupten, kläglich gescheitert zu sein. Nach einem vierminütigen Steigerungslauf zum Ende unseres Donnerstag-Fahrtspiels hing meine Zunge auf dem Asphalt und meine Beine fühlten sich so gelenkig an wie Wackelpudding. Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, dachte ich mir in diesem Moment.
Lachend kam Lucas Ndungu die 20 Meter zurückgetrabt, die er mir während des letzten Belastungsintervalls abgenommen hatte. Dabei hatte ich alles gegeben, war völlig ausgepowert, genützt hatte es nichts. „You have to work on your speed!“ „Du musst an deiner Geschwindigkeit arbeiten.“, war sein Ratschlag. Das klingt schon fast paradox, bin doch ich der Mittel- und er der Langstreckenläufer. Sollte es da nicht eigentlich umgekehrt sein?
Zu meiner Verteidigung möchte ich nur eins anführen: Lucas kommt aus Kenia, also aus dem Land was Jahr für Jahr die Laufwettbewerbe auf internationaler Bühne dominiert. Damit sollte die Schmach dieser, von mir selbst herausgeforderten Niederlage, zumindest in den Augen aller Laufsportinteressierten getilgt sein.
 
Dabei ist es für unsere Trainingsgruppe ein absoluter Zugewinn, mit Lucas trainieren zu können – sowohl menschlich als auch sportlich. In Sachen Trainingsdisziplin können wir alle von ihm lernen. Wenn wir uns nach Schule, Uni oder Job abends mehr oder weniger motiviert zum Training schleppen, hat Lucas meist schon eine Laufeinheit in den Beinen. Von nichts kommt nichts, könnte man meinen. Seid ihr schon mal einen Halbmarathon in 66 Minuten gelaufen? Nein? Ich auch nicht. Jedenfalls ist das ziemlich schnell. In Kenia aber höchstens Durchschnitt. Deshalb ist Lucas auch hochmotiviert noch schneller zu laufen. Ohnehin gelten im ostafrikanischen Läufer-Wunderland in puncto Zeiten und Leistungen andere Gesetze. Aus einem scheinbar unerschöpflichen Reservoir an jungen Talenten gehen seit Jahren die besten Langstreckenläufer der Welt hervor. Sicher, es spielen viele Faktoren eine Rolle, weshalb die afrikanischen Läufer die Szene dominieren. Jedoch sollte man nicht vergessen, wie hart die dieser Spitzenläufer wirklich trainieren – und wie viele dabei – im wahrsten Sinne des Wortes – auf der Strecke bleiben.
 
Als mir Lucas von seinem Tagesablauf in Kenia erzählt hat, konnte ich nur ungläubig staunen. Klar haben wir die Geschichte des Wunderjungen, der täglich 20 Kilometer zur Schule läuft weil es keinen Bus gibt und dies seine einzige Chance auf Bildung und eine Zukunft ist, alle schon einmal irgendwo gehört. Aber aus zweiter Hand klingen solche Geschichten doch meist nach übertriebenem Märchenstoff und prädestinierte Quotenbringer. Wenn Lucas aber so aus seinem Alltag erzählt, ist es anders. Man spürt, dass es tatsächlich so ist, nicht nur eine Übertreibung der Medien. Er steht morgens um 3 Uhr auf, macht seine Schulaufgaben wenn es draußen noch stockdunkel ist. Gegen 4 Uhr schnürt er seine Laufschuhe zum täglichen „morning run“. Immer dabei die Stirnlampe, bis Sonnenaufgang ist es schließlich noch eine Weile hin. Danach macht er sich auf den vier-kilometerlangen Schulweg. „Das ist nicht weit“, meint er „15 Minuten und ich bin da“. Klingt für mich eher nach einem mittelschnellen Dauerlauf. Der Unterricht beginnt um 6 Uhr und endet gegen 15 Uhr. Danach ist gemeinsames Training angesagt. Gegen 22 Uhr geht der Tag zu Ende. „Nur fünf Stunden Schlaf?“, frage ich erstaunt. „Das reicht völlig aus“, versichert mir Lucas munter. „Zu viel schlafen macht müde“, meint er. Ich bin etwas sprachlos. Es sind die Einblicke in eine ganz andere Welt, die beeindruckend und gleichzeitig fast schon unglaublich wirkt.
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