MONDWANDERUNG

Wer altbekannte Berge ganz neu entdecken möchte, sollte einfach mal nachts losziehen. Am Besten bei Neuschnee, hellem Mond und klarem Himmel. Ein Selbsterfahrungsbericht.

Ein Montagabend im November, kalt und nebelig in München. Kein blasser Schimmer von dem multimedial versprochenen Supervollmond. Zumindest nicht unterhalb der Wolkendecke, die schon den ganzen Tag auf die Dächer der Stadt und so manches Gemüt drückt. Aber weiter oben gibt es Hoffnung - wie ein Blick auf die Webcams der nächsten Gipfel verrät. Oberhalb von etwa 1300 Metern scheint es klar zu sein, hier müsste der Blutmond schon bald aus dem Wolkenmeer auftauchen, in etwa so, wie ein Sonnenuntergang im Rückwärtsgang.

Also schnell los, ich packe die nötigen Klamotten, meine Kamera samt Stativ, die Thermosflasche und einen Gipfelsnack in den Rucksack. Dann fahre ich mit einem Kumpel gen Süden. Wie haben uns spontan für den Jochberg zwischen Kochelsee und Walchensee entschieden, weil man von München aus schnell hinkommt, der Aufstieg recht kurz ist und der erhoffte Ausblick perfekt sein dürfte.

Aber dazu braucht es erst einmal viel Fantasie. Als wir das Auto auf dem Kochelpass parken beträgt die Sichtweite kaum 20 Meter. Auf dem Boden liegen über dreißig Zentimeter frischer Schnee, er verschmilzt mit dem Nebel zu einer zähen weißen Masse. Nichts wie raus hier! Der Weg führt sofort in den Wald und steil bergauf, zwischen den Bäumen haben Tageswanderer eine schmale Spur hinterlassen, die stellenweise bereits vereist ist. Gut, dass wir Grödel dabeihaben und somit guten Grip!

Wenn man den Augen ein bisschen Zeit lässt, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, kann die Stirnlampe sogar ausbleiben.

Im verschneiten Wald zeichnen sich die dunklen Baumstämme deutlich ab, Schnee und Nebel schlucken alle Geräusche, es herrscht eine unwirkliche Atmosphäre 

Wenn es nicht so kalt wäre, könnte ich hier stundenlang einfach still verharren und die Stimmung absorbieren.

Es geht weiter, der dampfende Atem wird eins mit dem Nebel um uns herum. Aber nach einer guten dreiviertel Stunde Aufstieg frischt der Wind auf und es wird immer heller! Mit jedem weiteren Höhenmeter löst sich die Wolkendecke auf, der Mond durchdringt die letzten Nebelfetzen und die Baumwipfel und verleiht den Stämmen eine helle Kante.

Schließlich treten wir aus dem Wald heraus – und der Anblick ist überwältigend: da, wo im Sommer der kanadablaue Walchensee im Tal glitzert, ragt jetzt ein riesiges Wolkenmeer, aus dem rund herum verschneite Gipfel empor. 

Nur der Supermond ist uns zuvorgekommen, längst hat er eine Höhe erreicht, die ihn auf normale Größe schrumpfen lässt. Trotzdem ist es unglaublich hell. Hätten wir Ski oder Snowboard dabei, könnten wir den weiß glitzernden Hang ohne zusätzliches Licht fast bis zum Seeufer hinabfahren. Haben wir aber nicht dabei – deswegen greifen wir zu unseren Kameras.

Das einzige Problem des Fotografen bei Nacht mit Vollmond im Schnee: wie schaffe ich es, dass die Fotos nach Langzeitbelichtung nicht aussehen, als wären sie tags aufgenommen? Zum einen hilft es natürlich, die Sterne und möglichst den Mond als Referenz im Bild zu haben. Dabei sollte man mindestens auf Blende 8 kneifen, eher etwas unterbelichten und dann lieber in der Nachbearbeitung nach Bedarf selektiv aufhellen. Stativ und Fernauslöser helfen, um trotz langer Verschlusszeit verwackelungsfreie Bilder zu machen. Um uns in den Belichtungsphasen aufzuwärmen, laufen wir abwechselnd mit der Stirnlampe durchs Bild und zeichnen Light Trails ins Foto.

Der Wind treibt die Wolkendünung derweil immer schneller zwischen den höheren Gipfeln hindurch und kühlt uns allmählich auf Heimwehtemperatur herunter. Eine Gams flüchtet über die weiße Fläche, wie ein dunkler Troll stürmt sie den glitzernden Hang hinab. Auch wir machen uns auf den Abstieg und als wir nach einer Stunde wieder im Auto sitzen und durch die Nebelsuppe gen München fahren, scheint das gerade Erlebte wie ein wundersamer Traum.

Ausrüstung für das Mitternachtsabenteuer

- Warme Kleidung, am besten mehrlagig und mit Funktionsbeschichtung

- Stirnlampe

- Wanderstiefel

- Grödel, Steigeisen oder Schneeschuhe

- Optional: Trekking-Stöcke, Fotoapparat, Stativ und Fernauslöser für Langzeitbelichtung

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