Mein erster Klettersteig – traue ich mir das zu? Teil 2

Wie finde ich heraus, ob ich mit der Ausgesetztheit klar komme?

Bei eigentlich allen Klettersteigen kommt es vor, dass man an sehr ausgesetzten Stellen vorbei muss, also quasi Luft unter den Fersen hat. Meistens ist man ja am Drahtseil gesichert, doch je nach Klettersteig kann es auch sein, dass man mal eine Stelle ohne Sicherung überwinden muss. Kurzum – man sollte in der Lage dazu sein, die Nerven zu bewahren, auch in solchen Situationen.

Es ist natürlich in der Theorie schwer abzuschätzen, ob man damit klar kommt. Ich würde euch empfehlen, es einfach mal auszuprobieren, am besten am Einstieg eines Klettersteigs, oder an einem kurzen Übungs-Klettersteig. Meistens sieht es von weitem viel schlimmer aus als wenn man dann in der Wand ist, den festen Fels spürt, sich am Drahtseil festhält und sich auf das Steigen konzentriert. Es gibt Wandertouren, die kurze Klettersteig-Passagen enthalten, wie z.B. die Tour auf die Lamsenspitze (Normalweg), der Hohe Gang zum Seebensee oder die Wanderung zur Tegernseer Hütte. In diesen Fällen braucht man für die kurzen Passagen eigentlich keine Klettersteig-Ausrüstung, und kann trotzdem testen, wie sich das Kraxeln und die Steilheit anfühlt.

Es lebe das Kraxeln
Es lebe das Kraxeln

Neulich war ich mit einer Freundin unterwegs zur Lamsenspitze. Schon beim Anblick einer Stelle, wo man an einem Felsband entlang einer steilen Felsflanke gehen sollte, wurde ihr sehr mulmig zumute. Wir sind dann nicht mehr weitergegangen, denn wenn die Psyche nicht mitspielt, sollte man niemandem empfehlen, sich zu überwinden. Zumal wenn man sich im Aufstieg schon nicht wohl fühlt, dann ist der Abstieg definitiv kein Spaß.

Muss ich für einen Klettersteig klettern können?

Wenn ich erzähle, dass ich oft Klettersteige mache, fragen mich viele, wie so ein Klettersteig denn konkret funktioniert und ob man da „richtig klettert“ und an einer steilen Wand hoch muss. Also erstens kommt es ganz klar auf den Klettersteig an – es gibt durchaus Steige, oder auch einzelne Stellen, wo man an einer steilen Wand hoch muss, dann allerdings meistens mit Eisenstiften, Steighilfen oder Leitern. Ich würde einen Klettersteig als eine Art „kraxeln“ mit kurzen Steilstufen und ausgesetzten Felsbändern dazwischen beschreiben.


Natürlich sollte man nicht für den ersten Klettersteig gleich einen der Schwierigkeit C oder D aussuchen. Und definitiv helfen Vorkenntnisse vom Klettern oder Bouldern, um Bewegungen wie zum Beispiel das Hochstemmen in einem Kamin zu bewältigen. Aber es ist kein Muss. Bei Klettersteig-Neulingen ist mir aufgefallen, dass sich meistens die Mädels einfacher tun mit der Technik, da sie intuitiv die Muskeln in den Beinen nutzen, clever das Gleichgewicht verlagern und so Kraft in den Armen sparen. Und trotzdem ist ein Klettersteig anstrengender als eine normale Wandertour, vor allem im Abstieg. Und damit kommen wir schlussendlich zu der wichtigsten Frage, die ihr euch stellen solltet:

Bin ich konditionell fit genug für einen Klettersteig?

Sofern man die richtige Ausrüstung parat hat, ein paar Muckis in den Armen und keine Angst vor Ausgesetztheit hat, meint man, einen Klettersteig locker zu schaffen. Das wäre aber falsch! Ein Klettersteig ist deutlich anspruchsvoller und anstrengender für den ganzen Körper als eine normale Wanderung. Die Oberschenkelmuskeln ermüden durch die steilen Stufen deutlich schneller, und durch das ständige Ziehen, Stemmen und Gleichgewicht halten ist der Klettersteig ein echtes Ganzkörper-Training. 

Dadurch, dass man im Aufstieg in relativ kurzer Zeit viele Höhenmeter überwindet, muss man diese natürlich auch alle wieder hinunter, und wenn dann die Beine anfangen zu zittern, ist es ungut, zumal die Abstiege oft ähnlich steil oder in gerölligen Flanken bergabwärts führen.

Prüft also bitte genau, wie lange die Tour ist, wieviel Höhenmeter zu überwinden sind und ob es ggf. eine Art „Notausstieg“ aus dem Klettersteig gibt. Wenn ein Klettersteig 600 Höhenmeter und 12km Länge hat, dann solltet ihr fit genug sein, eine Wanderung mit der doppelten Anzahl Höhenmeter zu packen. Und ein paar Kniebeugen als Training schaden sicher auch nicht.


Mein erster Klettersteig Teil 1 findet ihr hier

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