Läufer aus Leidenschaft

Was soll ich heute nur anziehen? Es ist Montagmorgen, ich stehe vor meinem Kleiderschrank und kann mich einfach nicht entscheiden. Mit bangem Blick schiele ich auf meinen Wecker, der unaufhörlich tickt. Die Minuten verrinnen. Ich sollte langsam in die Gänge kommen, sonst bin ich mal wieder zu spät. Zur Uni? Nein, denn dann wäre die Kleidungswahl ja schnell getroffen. Was ziehe ich bloß zum Training an? Das ist wesentlich schwieriger, denn das launisch, wechselhafte Herbstwetter der letzten Tage macht mir die Entscheidung nicht unbedingt leichter. Da klopft es auch schon an meiner Tür, mein WG-Mitbewohner und Trainingspartner, Mittelstrecken-Ass Timo Hoberg ist startklar. Nun aber schnell. Die Wahl fällt auf kurze Hose und T-Shirt. Die liegen vorne im Schrank und außerdem regnet und stürmt es ja nicht. Zumindest noch nicht. Die Entscheidung werde ich spätestens nach den ersten Kilometern bereuen, da es draußen doch kälter ist, als ich vom warmen Zimmer aus vermutet hätte. Das gehört dazu.
 
Man muss schon viel Leidenschaft und ein gewisses Maß an Verrücktheit mitbringen um bei Wind und Wetter, sieben Tage die Woche die Laufschuhe oder Spikes zu schnüren um im Sommer dann für zwei bis drei Monate auf der Tartanbahn auf Bestzeitenjagd zu gehen. Verletzungsfrust, Misserfolge, und Motivationslöcher inklusive. Mich hat das Fieber mit 15 Jahren gepackt und seitdem nicht mehr losgelassen. Nach den ersten Erfolgen bedurfte es keines zusätzlichen Ansporns mehr um mich für immer neue Ziele zu begeistern. Läufer zu sein ist mehr als ein Hobby, es ist eine ganz bestimmte Mentalität, fast eine Lebenseinstellung. Zugegeben, das klingt etwas sehr pathetisch, aber im Grunde ist es doch so. Wochen-, Monats, und Jahresplan passen sich dem Trainingsplan an. „Geht leider nicht, da habe ich Training“, ist für mich längst zu einer Art Standardantwort im Alltag geworden. Was bei Gleichgesinnten vollste Zustimmung findet, ruft bei Kommilitonen, Professoren und Nicht-Läufern oft nur Kopfschütteln oder Verständnislosigkeit hervor.
 
Einige derer, denen es ähnlich geht, sind meine Team-Kollegen im engelhorn sports team. Seit Anfang 2011 machen 11 Läufer und 6 Läuferinnen unter diesem Namen die Laufwettbewerbe in der Metropolregion Rhein-Neckar unsicher und verirren sich bisweilen auch zu weiteren Veranstaltungen deutschlandweit. Bahn- und Straßenläufer, Mittel- und Langstreckler, alle teilen wir die gleiche Faszination: Laufen. Zwar ist Laufsport Individualsport, doch ein starkes Team ist wichtig und bietet Unterstützung, Antrieb und wenn nötig auch Aufmunterung. Kurzum, alles was zum Laufen dazugehört.
 
Und in den Trainingspausen? Da studiere ich Kultur und Wirtschaft an der Universität Mannheim. Die Doppelbelastung ist zwar bisweilen anstrengend und kräftezehrend, aber die Leidenschaft fürs Laufen ist stärker. Außerdem gehören Zähigkeit, Durchhaltevermögen und Willensstärke ohnehin zu den Grundattributen eines jeden Läufers. Aber während ich gerade meine ersten Blogging-Erfahrungen sammle und in unzähligen Erinnerungen meines bisherigen Läuferdaseins schwelge, stelle ich fest, dass ich mich noch nicht vorgesellt habe. Gestatten, Matthias Haller.
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