Länderspielreise der Rugby-Nationalmannschaft nach Namibia

Atemmasken für den Flug
Atemmasken für den Flug


Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich auf Sport Up Your Life über die Länderspiele der deutschen 15er Rugby-Nationalmannschaft berichtet habe. Zur Erinnerung: wir sind in die höchste europäische Spielklasse aufgestiegen und erst kurz vor Schluss der WM-Qualifikation an Russland gescheitert. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Mit der WILD Rugby Academy konnte der Deutsche Rugby-Verband einen großen Sponsor gewinnen, was uns nun die Möglichkeit eröffnete, auf Länderspielreise zu gehen. Nächster Halt: Namibia!
Testen gegen einen WM-Teilnehmer
Unsere guten Leistungen waren weltweit auf großes Interesse gestoßen und so kam es, dass uns der Namibische Rugby-Verband vor 4 Wochen zu einem Länderspiel in die Hauptstadt Windhoek einlud. Eine einmalige Chance für uns gegen einen starken Gegner unsere Vorbereitung auf die kommende Europameisterschaft zu beginnen – für Namibia war es gleichzeitig der Startschuss für die Vorbereitung auf die WM, welche nächstes Jahr in England stattfindet und (gemessen an den Zuschauerzahlen) das drittgrößte Sportereignis der Welt ist!
Die Tatsache, dass wir mit einem nahezu kompletten Kader in den Flieger steigen konnten, war jedoch aufgrund der Kurzfristigkeit der Einladung ein harter Kampf. Da wir alle nebenher arbeiten oder studieren, mussten wir uns irgendwie Urlaub nehmen. Einige nahmen sogar unbezahlten Urlaub, um sich diese Chance nicht entgehen zu lassen – der ganze normale Wahnsinn im Leben eines Rugby-Nationalspielers!


Höhenluft und die afrikanische Sonne
Nach einem 10h-Flug landeten wir dann endlich in Namibia. Da wir keine Zeit verschwenden wollten und gerade einmal 2 Tage zur Vorbereitung reichen mussten, ging es quasi direkt vom Flughafen zum ersten Training – eine ausführliche Recovery-Einheit im Pool sollte uns helfen, den Flug aus den Beinen zu schütteln. Darauf folgten dann noch 4 Trainingseinheiten an 2 Tagen, bevor es dann zum Kräftemessen mit Namibia kommen sollte.


Überraschenderweise (zumindest für einige von uns, die in Erdkunde gepennt hatten) liegt Windhoek auf 1700m Höhe und so war es im Nachhinein keine Verwunderung, dass uns die Lungen doch etwas mehr brannten als wir es gewohnt waren. Die trockene Luft vor Ort machte uns zusätzlich das Leben schwer – nach wenigen Minuten war man im Mund nahezu komplett ausgetrocknet und röchelte irgendwie zur nächsten Trinkflasche. Man lernt also immer was dazu – die zahlreichen Pressetermine und Interviews, die wir im Vorfeld wahrnehmen mussten (bzw. durften, so oft wird man schließlich auch nicht interviewt) gaben uns dabei schon einmal eine Vorstellung, dass Rugby in Namibia einen extrem hohen Stellenwert besitzt!


Rugby auf einem neuen Level
Das Spiel fand dann am frühen Mittwochabend unter Flutlicht statt und wurde von Weltklasse-Schiedsrichter Marius Jonker aus Südafrika geleitet. Leider konnte das Spiel aufgrund der kurzfristigen Ansetzung nicht im nationalen Rugby-Stadion stattfinden, sodass wir in einem kleineren Stadion spielen mussten, das nur begrenzt dem sehr großen Zuschauerandrang gerecht wurde. Mehr als 4000 Zuschauer haben dann auch leider nicht reingepasst, im nationalen Stadion wären es locker doppelt so viele geworden. Aber was soll‘s – das dachte sich in gewisser Weise wohl auch der Premierminister Namibias und verspätete sich gleich mal zum Spiel. Typisch für Afrika stand dann natürlich die Welt still und so warteten wir dann vor dem Abspielen der Nationalhymnen 20 Minuten, bis der Herr Minister mit seiner Begleiter-Schar eintraf und uns persönlich begrüßte. Den Punkt „einem Premierminister die Hand zu schütteln“, kann ich von meiner Bucket-Liste immerhin schon mal streichen!


Namibia legte, besetzt mit zahlreichen Spielern aus den südafrikanischen Profiligen, los wie die Feuerwehr und spielte uns die ersten 20 Min schon ein wenig schwindelig. Zwar konnten wir zwischenzeitlich mit 6:5 in Führung gehen, doch danach punktete nur noch eine Mannschaft und das waren nicht wir! Jeder kleinste Fehler wurde gnadenlos ausgenutzt und fast jedes Mal direkt in Punkte gegen uns verwandelt – willkommen auf dem nächsten Rugby-Level!
Erst in der 2. Halbzeit fingen wir uns und siehe da: auch wir können mit einem WM-Teilnehmer mithalten! Wir behielten endlich unsere Bälle, machten deutlich weniger Fehler und das Resultat waren zwei von den Zuschauern frenetisch bejubelte Versuche, sodass wir letztendlich mit 58:20 verloren (die 2. Halbzeit ging dabei 22:20 aus). Zu den Zuschauern muss man sagen: ich glaube, ich habe mehr deutsche Fahnen gesehen als bei einem Heimspiel in Deutschland! Die Unterstützung war wirklich Wahnsinn und man hätte fast meinen können, wir hätten am Ende das Spiel gewonnen!


Es ist noch ein langer Weg
Die Länderspielreise war eine unglaublich wichtige Erfahrung für die ganze Mannschaft. Uns wurde sehr genau aufgezeigt, woran wir die nächsten 3 Monate arbeiten müssen, wenn wir zum Saisonauftakt im Februar gegen Europameister Georgien eine Chance haben wollen. Zudem war die Reise nach Namibia mit einem anschließenden freien Wochenende irgendwie auch eine kleine Entschädigung für all die Entbehrungen, die wir Woche für Woche leisten müssen.
Seit Jahren quälen wir uns 2x täglich nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Kraftraum oder auf dem Platz und müssen privat wie beruflich viele Opfer bringen – alles mit dem Ziel uns zu verbessern und vielleicht irgendwann mal bei einer WM oder Olympia teilnehmen zu dürfen. Das große Interesse an dem Spiel und den Respekt und die Anerkennung, die wir von allen Seiten für unsere Leistung erhielten, waren da dann doch so etwas wie Balsam für unsere Seele. Der Wunsch Namibias, aus diesem Spiel ein regelmäßiges Event zu machen, war da nur das Tüpfelchen auf dem I.


Hier gibt's noch ein eklusives Video aus Namibia:
Bilder: Steffen Liebig, Johan Jooste
 
 
 
 

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