Klettern an der Aiguille de Praz Torrent


Kaum zurück von einer Hüttentour mit meinem Vater, kündigte sich gleich für das nächste verlängerte Wochenende ein Schönwetterfenster in den Alpen an. Die Saison ist jung und die meisten Ziele noch verschneit. Außerdem wollten mein Partner und ich nichts zu Anstrengendes machen und lieber ein paar schöne Tage unsere freie Zeit genießen. Beim Durchblättern des „Best of Keep Wild“ Führers, stieß ich dann gleich auf die Aiguille de Praz Torrent am Col du Montent.
Das Gebiet bietet genau das, was wir gesucht haben: kein allzu langer Zustieg zum Ausgangspunkt, tolle Gegend, anspruchsvolle aber nicht zu lange und schwere Kletterei und ein kurzer Zu- und Abstieg zu den Routen. Die Aiguille de Praz Torrent am Col du Montet, kurz vor Chamonix, sollte also unser Zuhause für die nächsten 4 Tage werden!
Tag 1: Die Anreise
Nach einer doch sehr erlebnisreichen Autofahrt stehen wir also am Donnerstag um die Mittagszeit auf dem Parkplatz am Bahnhof vom Talort Le Buet. Mit der Beschreibung meines Seilpartners aus Köln im Kopf, der hier schon einmal klettern war, fanden wir schon bald den schmalen Pfad hinauf zur Praz Torrent.

Die schweren Rucksäcke mit Kletterzeug, Biwackmaterial und auch einigen netten Annehmlichkeiten, zogen ganz schön Richtung Tal und die knapp 900 Höhenmeter zum Wandfuß kosteten so schon die ein oder andere Schweißperle. Aber der tolle Ausblick ließ uns die Strapazen schnell vergessen. Wir fanden einen großen Felsbrocken, unter dem wir uns häuslich für die nächsten Tage einrichten konnten und genossen die letzten Stunden Sonnenlicht bei einem guten Glühwein.

 
Tag 2: Klettern in der Parat-Seigneur
Am nächsten Morgen wurden wir vom Sonnenschein aus einem strahlend blauen Himmel geweckt und frühstückten gemütlich in der Sonne. Um 9 Uhr ging’s dann los in Richtung Wandfuß und nach sehr überschaubaren 5 Minuten Zustieg konnten wir bereits in die Route einsteigen. Über eine klassische Linie ging es immer weiter in die Wandfluchten hinauf. In den Seillängen selbst steckten nur ein paar Schlaghaken, dazwischen musste hier und da ein Klemmkeil oder Camelot gelegt werden. Ist eben eine Keep Wild Tour, deshalb sind wir ja hier!

Doch an den Standplätzen steckt oft ein Bohrhaken um die alten Normalhaken zu unterstützen und alles in allem ist die Tour recht gut abzusichern. Ein echter Genussklassiker also. So erreichen wir schon schnell den Gipfel der Praz Torrent und können vor dem kleinen Steinmann an der höchsten Stelle der Wand in der Sonne sitzen und den herrlichen Ausblick auf die Aiguille Verte und das Argentièretal gegenüber genießen. Bereits um 13 Uhr sind wir wieder am Biwack und beschließen nach dem Mittagessen eine gemütliche Runde an den zahlreichen Blöcken unter der Wand zu bouldern.

 
Tag 3: Die „Voie des Dalles“
Am nächsten Morgen geht es dann in die zweite Tour aus dem Führer: die „Voie des Dalles“. Bereits die erste Seillänge durch eine recht glatte Verschneidung ist spannend, denn sie lässt sich nach der Hälfte nicht mehr absichern. Kurz vor dem Ende muss ich deshalb doch noch schlucken, als ich das Seil nutzlos über 10 Meter nach unten zur letzten Sicherung baumeln sehe. Doch die Kletterei ist zum Glück nicht all zu schwer und diese Hürde ist schnell genommen. Nachdem mein Partner uns in der nächsten Länge über die ersten schweren Meter gebracht hatte, stehen wir vor der Schlüsselstelle der Tour.

Doch anders als erwartet, ist diese gar nicht so schlecht abzusichern. Es stecken einige Schlaghaken und ich muss nur einen einzigen Cam dazu legen, um die Seillänge sicher klettern zu können. Dafür zieht aber auch die Kletterei etwas an und kurz vor dem nächsten Stand sind dann doch einige Züge dabei, die mich ordentlich zum Schnaufen bringen. Von hier ab ist der Rest der Route dann allerdings nur noch genussvolle Zugabe durch leichteres Gelände mit schönen Platten und zum Abschluss einem tollen Blockgrat. Wir genießen den strahlend blauen Himmel und die tolle Aussicht, beschließen aber schon auf dem Weg nach unten, dass es das für heute noch nicht gewesen sein kann.

Zum Abschluss Plaisier vom Feinsten
Zum Abschluss sorgen wir für den Kontrast und klettern eine der schweren Plaisierplattenrouten an der Praz Torrent. Wunderschöne Züge durch die steilste und glatteste Wandflucht direkt in Wandmitte fordern uns beide und bringen uns auch ganz gut an unsere Grenzen. Vor allem die um die 40 Meter langen Seillängen, mit nur kleinsten Mikrotritten, strapazieren unsere Waden ganz schön. Aber die Route ist der krönende Abschluss unseres Kletterwochenendes.
Tag 4: Abschied nehmen
Nach einem weiteren schönen Abend bei warmem Wein und einem selbstgemachten Kaffeelikör, geht es am Morgen schwer bepackt wieder zurück zur Zivilisation. Die vollen vier Tage haben wir in unserem Klettergebiet bei perfektem Kletterwetter keine Menschenseele getroffen. Verstehen können wir es nicht, denn die Kletterei, die Aussichten und die gesamte Gegend sind absolut einmalig! Ein echter „Geheimtipp“ für das nächste freie Wochenende, bei dem man Entspannung und aufregende Kletterei verbindet!
Für Wiederholer empfehle ich entweder einen Blick in das wunderschön gemachte Best of Keep Wild (das allerdings nicht immer so ganz genaue Topos enthält!). Oder aber die Infos auf www.camptocamp.org in englisch für die „Parat-Seigneur“ (mit toller Anstiegsskizze) und auf französisch für die „Voie des Dalles“.
 
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