Kite-Festival in Indien – Sport mal anders!

Wer schon einmal in Indien war, der weiß, dass in den indischen Städten Sport quasi nur drinnen möglich ist, da es mit der „frischen Luft“ oft nicht weit her ist. Daher gibt es auch nicht viele Inder, die den uns bekannten Breitensportarten nachgehen – Joggen, Radfahren, Schwimmen, Fußballspielen etc. Yoga ist natürlich weit verbreitet, und in einigen Gegenden eben das Drachenfliegen. So auch in Ahmedabad, der fünftgrößten Stadt Indiens im Nordwesten, wo jährlich am 14. Januar das legendäre Kite-Festival stattfindet. Wir waren vor Ort, um uns das Spektakel anzusehen.


Kite-Flying als Massensport
Praktisch jeder in Ahmedabad fliegt Drachen als Hobby, vor allem die männliche Bevölkerung. Im Gegensatz zum Drachenfliegen bei uns wird das Hobby dort sehr ernst genommen und ist keineswegs nur eine Kinderbeschäftigung. Außerdem kommt in Indien noch ein sehr wichtiger sportlicher Aspekt hinzu, es geht beim Drachenfliegen nämlich darum, andere Drachen zu besiegen! Das bedeutet, die Schnur eines anderen Drachen in der Luft mit der eigenen Schnur durchzuschneiden und den Drachen des anderen so zum Absturz zu bringen. Stunden verbringen die Inder auf den Dächern ihrer Häuser in der Altstadt, um möglichst viele Kämpfe für sich zu entscheiden. Und das funktioniert besonders in Indien gut, da dort quasi jedes Haus eine Dachterasse hat.


Besondere Drachen, besondere Schnüre
Um das „Abschneiden“ zu bewerkstelligen, sind die Schnüre, genannt „Manja“, mit einer hauchdünnen Paste aus zermahlenem Glas ummantelt. Die Schnüre sind dadurch so messerscharf, dass man beim Drachenfliegen unbedingt seine Finger schützen muss. Auch die Drachen selbst („Patang“) sind anders als bei uns. Sie sind zwischen 30cm und 80cm im Quadrat aus Seidenpapier mit nur zwei Holzstäben zur Stabilisierung, und damit so leicht, dass ein Lüftchen reicht, um sie zu starten. Trotzdem braucht es natürlich einiges an Übung, um sie hoch in die Luft zu bekommen. Man muss mit schnellen Bewegungen den Drachen immer wieder zu sich ziehen, um den nötigen Schwung aufzubringen, ihn höher steigen zu lassen. Das geht ganz schön in die Oberarme!


Die richtige Technik macht den Meister
Um wirklich gut zu sein, und am Tag des Festivals bis zu 80 Drachen zu besiegen, muss alles stimmen. Der Drachen muss die richtige Qualität haben, und korrekt präpariert sein. Die Schnur muss dazu im richtigen Winkel an zwei Punkten des Drachens angebracht werden und der Drachen braucht eine gewisse Biegung, um gut in der Luft zu stehen. Ist er dann hoch oben, kann der Kampf beginnen! Die Schnur eines anderen Drachen wird durch große Kreisbewegungen umwickelt und dann mit einem gekonnten Ruck durchtrennt. Ist man erfolgreich, bricht großer Jubel aus.


Der Höhepunkt: Das Kite-Festival
Schon am Vorabend des Festivals werden noch bis tief in die Nacht die letzten Drachen und noch ein paar Spindeln Manja auf dem Markt erstanden, teilweise bis zu 100 Drachen pro Person. Am Tag des Festivals ist die komplette Familie und Freunde auf dem Dach und jeder fliegt oder hält dem anderen die Spindel. Der Himmel ist voller Drachen und man muss aufpassen, dass man sich nicht einen der abgeschnittenen Schnüre um Hals und Hände wickelt. Abends folgt noch der krönende Abschluss des Festivals mit Raketen und Lichtballons – ein unglaublicher Anblick. Schade, dass diese Sportart bei uns noch keinen Einzug gehalten hat! Aber wir haben ein paar Patangs mitgebracht und werden mal auf die Wiese zum Üben gehen…
Eure Helen 

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