Gebietsvorstellung: Klettergebiet Freyr in Belgien


Neulich hatte ich mal wieder ein paar Tage frei und irgendwie packte mich dann die Lust zum Klettern! Was denn auch sonst? Aber wieder in Schriesheim an den immer gleichen Routen anstehen oder in die Pfalz fahren, wo man auch schon einiges gesehen hat? Irgendwie konnte das nicht so richtig Vorfreude heraufbeschwören...also packten mein Kletterpartner Sven und ich unsere Sachen, obwohl Sven eine wichtige Englischklausur bevorstehen hatte und fuhren ins Klettergebiet Freyr in Belgien! Einzige Bedingung: „Wir reden aber die ganze Zeit über Englisch, ok?“ „No problem, let’s go climb some rocks in Belgium!“
Belgien? Ein Klettereldorado?!
Belgien? Ja, auch da kann man klettern. Das wohl bekannteste Gebiet nennt sich Freyr und liegt in der Nähe der Stadt Dinant direkt über dem Fluss Meuse. Die Locals sind zwar etwas optimistisch mit ihren Bezeichnungen, denn weder das ehemals gleichnamige Café noch die Felsen vor Ort haben tatsächlich etwas mit dem legendären Chamonix zu tun. Trotz allem bietet Freyr tolle Kletterei mit einigem an Luft unterm Hintern! Die Wände halten Routen in jedem Schwierigkeitsgrad bereit und sind sowohl für den starken Einseillängen-Sportkletterer, als auch den gemütlichen Mehrseillängen-Plaisiergenießer zu empfehlen. Einzig der alpine Abenteuerkletterer wird bei der fast immer guten Absicherung keine Freudensprünge machen. Aber hier fährt man ja vor allem hin um Urlaub zu machen!

 
120 Meter Wände direkt über einem Fluss, einfach genial!
Das Gebiet bietet etliche Massive mit bis zu 120 Metern Höhe, also sind 3 bis 5 Seillängen keine Seltenheit! In der näheren Umgebung finden sich einige andere schöne Klettergebiete, die das Spektrum noch erweitern, wobei bereits Freyr genug Potential bereit hält, damit einem auch nach einer Woche noch lange nicht langweilig wird. Aber auch das französisch geprägte Umland ist an Pausentagen einen Abstecher wert.
Als Unterkunft empfiehlt sich der Zeltplatz des Belgischen Alpenvereins direkt über den Wänden, der aber in alpinistischer Manier nur zum „biwakieren“ genutzt werden darf. Das Zelt muss also morgens wieder abgebaut werden. Wen das stört, der kann auch in der Hütte des Alpenvereins vor Ort schlafen. Die Einrichtung erinnert an die Alpen: Stockbetten, ein langes Waschbecken an der Außenwand der Hütte und die Toiletten sind außerhalb der Hütte. Dafür kann man morgens fast aus dem Bett in die Routen steigen.


Mit Zelt und Lagerfeuer: Das ist das Klettererleben

Abends kann noch gemütlich am Lagerfeuer gesessen werden oder aber auf einem der aussichtsreichen Felsabbrüche gemütlich im letzten Sonnenlicht mit einem belgischen Bierchen auf den erfolgreichen Tag angestoßen werden.


Um sich an die Kletterei zu gewöhnen, sollten Gebietsneulinge ruhig erst einmal einen der zahlreichen leichteren Klassiker begehen. Oft ist hier die Kletterei schon sehr abgespeckt, aber durch die großen Griffe bleibt es trotzdem ein Genuss. So tastet man sich an die ungewohnte Reibung im Kalk und die hier doch recht strengen Bewertungen heran und kann am zweiten Tag ordentlich loslegen!

Eine Besonderheit: Die Combinés in Freyr
Eine Besonderheit in Freyr bieten die Combinés, die Kombinationen einiger Kletterrouten, um ein gesamtes Felsmassiv zu „durchqueren“. Nicht alle sind lohnend und zum Teil sind sie auch weit davon entfernt, logisch zu sein. Trotzdem bieten sie eine nette Variante, um auch mal etwas alpineres Flair aufkommen zu lassen und für längere Zeit den Boden nicht mehr zu betreten. Nicht nur die Wegfindung bereitet in den großen und mit vielen Routen übersäten Wänden so manches Mal Probleme. Es gilt auch in langen Querungen und Pendelabseilern, dass beide Kletterer das Gelände einigermaßen beherrschen.

Die größte Kombination und außerdem die bekannteste „Mehrseillängenroute“ in Freyr nennt sich die „Trans-Freyrienne“. Wer mit einigen Abseilern mitgezählt 16 Seillängen und 450 Klettermeter mit Schwierigkeiten bis 6b+ und A2 beherrscht und sich während der ganzen Strecke auch nicht verirrt, der findet hier eine tolle und abwechslungsreiche Felsfahrt. Dann reiht er sich in die doch sehr überschaubare Menge derer, die diese Herausforderung meistern konnten.
Zum Schluss habe ich noch eine Liste der empfehlenswerten Klassiker zum Start für euch zusammengestellt:
Route

Schwierigkeit
Kommentar
La tête de Lion
3b
Klettern direkt überm Wasser!
Le Merinos mit Ausstieg La Savonnette
4b max.
La Savonnette ist übrigens der Seifenhalter in der Dusche ;-)
L’Al Legne
4a & A0
Klassiker durch die größte Wand
L’Hypotenuse
4a & A0 (6a+)
Etwas schwerere Variante zur klassischen Al Legne
Les 5 anes mit Rissausstieg rechts
5c
Tolle Kletterei in ausgesetztem Ambiente an Henkeln!
Le zig-zag
5c
Wunderschöne Platte mit guten Griffen
La Direttissima
6a
Die Riesenverschneidung!
La Route du rhum
6a+
Der Anfang der Trans-Freyrienne, super exponierter Quergang mit Pendelpotential
Bilder: Lucas Frey
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