Freeriden in Japan - das Powder Paradise auf Hokkaido

Es war eine Schnapsidee, geboren auf der Abschiedsparty meines Kumpels und Ski Buddys Rainer, der im Sommer letzten Jahres von Deutschland nach China auswanderte. Mein Versprechen, ihn in China zu besuchen, kommentierte ich mit: „Kann man da Ski fahren?“ – „In China nicht so gut, aber…. „
Aufgrund seiner Antwort fand ich mich Anfang Februar diesen Jahres in der AirChina Maschine wieder, die über Peking nach Sapporo / Japan steuerte. Die Vorbereitungen waren sehr aufregend, selbst mit den Zweifeln, ob Freeriden in Japan Sinn macht. Aber irgendwann war alles gebucht und geplant und jetzt konnte nur noch etwas mit dem Gepäck schief gehen.
Endlich da: Schnee - check, Bergführer - check!
In Sapporo angekommen, stieß Rainer aus China zu mir und glücklicherweise auch das Gepäck. Mit dem Bus ging es zwei Stunden weiter nach Niseko - unserem Powderspot für die nächsten 10 Tage. Schon am Flughafen, der quasi auf Meereshöhe liegt, wunderten wir uns über die Menge des Schnees – aber was uns noch erwarten sollte, würde alles übertreffen...
Nach der ersten Nacht in der Black Diamond Lodge hatten wir direkt einen Guide gebucht. Bruce, der Bergführer aus Neuseeland (er hat in diesem Jahr noch den Mount Everest bestiegen), holte uns in der Lodge ab. Wir hatten die Powder Hunter Tour gebucht, wussten aber nicht genau, was dahinter steckte.


Mit einem New Yorker, einer Münchnerin und einem Schweizer ging es in das Backcountry des Skigebietes. Das Gefühl des Schnees unter den Brettern war unbeschreiblich! Eine bessere Beschreibung von Powder gibt es nicht. Trocken, weich, fein – Powder wie man ihn sich schöner nicht vorstellen kann und einfach so tief: „bottomless powder“!
Tag 2: Auf eigene Faust zu den Powder Gates
Auch wenn der erste Tag grandios war, wurde uns die geführte Tour durch das recht flache Nachbarskigebiet von Niseko etwas langweilig. Wir hatten uns doch etwas mehr vorgestellt.
Am zweiten Tag erkundeten wir auf eigene Faust das Skigebiet „Niseko United“ rund um den 1308m hohen „Mt. Niseko An’nupuri“. Das Gebiet ist an der Vorderseite in 4 Bereiche aufgeteilt und geht bis ca. 100 m unter den Gipfel. An den Grenzen des Skigebiets gibt es Powder Gates, die einen kontrollierten Einstieg ins freie Gelände darstellen. Gate 2 und 3 sind die obersten und mit einem kurzen Hike kann man in jede Richtung abfahren.


Die Besonderheit an Japan ist - neben den Massen an Schnee - dass es von jetzt auf gleich anfängt zu schneien und man das Gefühl hat, als würde es die nächsten zwei Wochen nicht mehr aufhören. Man könnte vermuten, dass aufgrund dessen die Sichtverhältnisse sehr schlecht sind, aber durch die Bäume, die fast bis zum Gipfel wachsen, ist das kein Problem.
Gefährliche Tree Runs und Schauergeschichten über Slide-Cracks
Die Bäume selbst sind eine weitere Besonderheit! Tree runs durch die Wälder sind einzigartig. Hier liegen allerdings auch zwei der größten Gefahren. Zum einen muss man aufpassen, nicht gegen einen Baum oder Ast zu fahren und im tiefen Schnee ohnmächtig keine Luft mehr zu bekommen.
Zum anderen lauert Gefahr in den so genannten „Slide-Cracks“ (bei uns besser als „Fischmäuler“ bekannt), also tiefe Risse im Schnee, die durch Abrutschen des Schnees entstanden sind. Vielleicht nur Schauergeschichten, aber die Guides erzählten von einem Unfall zwei Wochen zuvor, in der ein Rider aus einer Spalte nicht mehr rauskam. Durch eine Schneehöhe von über 4 Metern können diese Cracks heimtückisch sein.


Flutlichtfahren und Waldabfahrten mit Pillows - Höher, schneller, weiter!
Das Skigebiet bietet einiges, aber eine ganz besondere Sache ist das Powdern bei Flutlicht. Durch das spezielle Licht und mit einem klaren Goggle-Glas ist das Night-Powdern eine ganz spezielle Angelegenheit.
Von unseren 4 Powder Hunter Touren konnten wir noch zwei in richtige Skitouren umwandeln, aber die zweite Tour im Skigebiet Rusutsu war schon eher nach unserm Geschmack. Unser Guide Jordy zeigte uns die richtigen Lines im Skigebiet. Wieder mit vielen Waldabfahrten, aber diesmal steiler und mit „Pillows“ versetzt, bekamen wir das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Meterhohe Sprünge werden durch den tiefen Powder abgefedert, als wäre es nichts. Mit der Zeit bekommt man einen fast gefährlichen Rausch nach: höher, schneller, weiter! Manchmal musste ich Rainer bremsen und er mich :)
10 Liter Grüner Tee ziehen in den Kampf gegen die Erkältung...
Der Plan war perfekt! Abwechselnd ein Tag mit Guide und einen Tag ohne, wäre da nicht eine Erkältung gewesen, die mich für zwei Tage komplett aus der Bahn geworfen hat. Aber wie mir mal ein schlauer polnischer Bauarbeiter gesagt hat: Manchmal isso! Nach 10 Liter Grün-Tee und guten Ratschlägen einer Kinderkrankenschwester aus Australien, die mit ihrer ganzen Familie in der Lodge wohnte, kam ich wieder auf die Beine und wir konnten wieder gemeinsam angreifen.


Der Tag aller Tage: Nur wir drei und der Berg!
Der ultimative Tag stand vor der Tür: Bruce war nur für uns zwei gekommen, um uns mit auf den Mt. Shiribetsu zu nehmen. Ein Berg ohne Skigebiet und welch ein Glück – wir waren alleine am Berg! Mit meinen 130 mm Ski und nicht ganz passenden Fellen war ich froh, einen Guide dabei zu haben, der die Spur zog.
Es ging ca. 700 hm bergauf, nicht gerade wenig mit der Freeride Ausrüstung. Der Schnee fiel ununterbrochen, aber das waren wir gewöhnt. Oben angekommen, machten wir uns bereit, gönnten Bruce aber die first line. Der Wahnsinn – mit Big Turns zogen wir durch die lange Lichtung ungefähr bis zur Hälfte der Aufstiegsspur.
Wieder nach oben und das gleich noch mal, nur auf einem frischen Powderfeld. Es muss eine Belohnung gewesen sein, denn als wir nach den insgesamt 1400 hm zum dritten Mal auf dem Gipfel ankamen, riss der Himmel auf und wir hatten die Sonne über uns zur letzten langen Abfahrt ins Tal. Ein Traum – und dort waren wir jetzt auch wirklich angekommen! Eigentlich waren wir fast jeden Abend im Onsen (heiße Quelle) – an diesem Abend aber belohnten wir uns noch mit reichlich Sushi und Kaltgetränken.


Stürmische Verhältnisse auf dem Weg zum Vulkan-Gipfel
Was sollte jetzt noch kommen? Eines der größten Ziele rund um Niseko ist der Mt. Yotai, der aufgrund seiner Ähnlichkeit zum Original auch little Mt. Fuji genannt wird. Der erloschene Vulkan ist über 1800 m hoch und man kann ca. 100 hm in den Krater abfahren.
Wir hatten Bruce schon die ganze Woche damit genervt und so stand er morgens in unserem Skikeller mit einem Grinsen auf dem Gesicht: It‘s Mt Yoooteiii - Time!! Es ist nicht immer einfach, diesen Berg zu besteigen, weil er ziemlich freiliegend und damit sturmanfällig ist.
Erst durch einen flachen Wald ging es schnell in Spitzkehren immer steiler bergauf. Der Tag begann mit blauem Himmel, aber kurz nach der Baumgrenze begann es zu stürmen und wurde ungemütlich. Bruce' Blick verriet, dass er kein gutes Gefühl hatte und dann mussten wir den Aufstieg abbrechen. Nichtsdestotrotz genossen wir die Abfahrt, gut geschützt durch die super Klamotten, die wir noch kurz vor dem Trip bekommen hatten. Auch wenn wir diesmal kein Gipfelglück hatten, wurden wir mit der Abfahrt belohnt. Es war klar was uns das sagen sollte: Wir müssen wiederkommen!


Wiederholungsbedarf? Und wie!
Nicht nur wegen Mt. Yotai würde ich zurückkommen. Zum einen müssen wir noch den Mushroom Trip machen, der nur darauf ausgelegt ist, über riesige Pillow Lines zu springen, und zum anderen, um diesen einmaligen Schnee zu bekommen, den ich so tief und so trocken selten erlebt habe. Ich denke, eine Powder Garantie kann man hier unterschreiben! Japan? Jederzeit wieder!!!
Für die letzten drei Nächte ging es nach Tokio – ein mindestens genauso beeindruckendes Erlebnis, aber eher für einen Fashion und Reise Blog.
Übrigens, vor, während und nach unserem Besuch in Japan, wurden einige Snowboard- und Ski Filme von europäischen Produktionen gedreht:
Isenseven – a way we go, Freeskicrew – Stammtisch, Shades of winter von Sandra Lahnsteiner und Chamäleon mit Markus Keller
... und zum Schluss: Bilder sagen ja bekanntlich mehr als tausend Worte!

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