Die Nachtrunde: 24 Stunden von Bayern – Teil 2


 
Nach der 20-minütigen Schifffahrt über den Forggensee wanderten wir gegen 20:30 Uhr von der Bootsanlegestelle Dietringen in den Sonnenuntergang und hatten den letzten großen Anstieg dieser 24 Stunden von Bayern hoch zum Senkele vor der Brust. Der Anstieg entpuppte sich als kurz aber intensiv und entzog sukzessive unsere Kräfte. Aber es hatte auch Vorteile: So schienen die Kalorien vom Nachmittagskuchen spätestens hier wieder aufgebraucht.
Eine am Anstieg unmittelbar hinter uns befindliche Damengruppe sorgte jedenfalls für willkommene Abwechslung, weil sie unentwegt und laut über zugegebenermaßen recht interessante Frauenthemen redeten. Ich fragte mich zwischenzeitlich ernsthaft, woher sie wohl diese Luft zum Reden nahmen. Im Übrigen waren wir sowieso extrem überrascht, mit welcher Sportlichkeit sich das weibliche Teilnehmerfeld während der 24 Stunden  präsentierte. Scheinbar mühelos schienen sie an uns vorbeizuwandern, gleichsam vorbeizuschweben, die versammelten „Outdoorerinnen“ dieses Planeten.
 
Es wird langsam eng

Auf der Senkele Alp oben angekommen, machten sich bei Schubby und mir erste deutliche Erschöpfungssignale breit. Auf Deutsch: Wir waren platt! Nach einem kurzen Blick auf den Tacho stellte ich fest, dass es noch nicht einmal Mitternacht war! Rund zwei Drittel der Nachtstrecke lagen noch vor uns! Meine Füße schrien nach Auszeit und meine Beine bewegten sich offensichtlich nur noch nach mehrfacher Aufforderung. Auch Schubby war in der Zwischenzeit erstaunlich ruhig geworden... So hangelten wir uns bis zur nächsten Verpflegungsstelle, wohl wissend, dass wir immer noch einen Großteil der Nachtschleife vor uns hatten.
Die halbstündige Pause rund um das Thema „Biene“ mit Honigbonbons und Honigsemmeln tat gut. Zu den beginnenden Schmerzen in beiden Beinen und Füßen kam jedoch leider auch noch die auf Grund der fortgeschrittenen Uhrzeit einsetzende Müdigkeit, die auch noch zusätzlich ein unkomfortables Kältegefühl mit sich brachte.
 
Wenn ich ein Vöglein wär…

Der Wille aber war nach wie vor ungebrochen. So wanderten wir über das Koppenkreuz weiter in die fortschreitende Nacht. Inzwischen allerdings war es mir ehrlich gesagt relativ egal, welche Membran im Schuh denn nun besser funktionieren würde und ob Kompressionsstrümpfe, so wie Schubby sie trug, die bessere Wahl gewesen wären. Meine Probleme waren dann doch eher auf die Grundbedürfnisse beschränkt.
Unweigerlich kam mir das Plakat des Hanwag PRO Team Extrem Bergwanderers Thorsten Hoyer in den Kopf, welches ich am Vortag an der Bergstation Tegelberg hängen sah: „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Hoyer wandert“. Wenn Herr Hoyer, der übrigens auch hier bei den 24 Stunden von Bayern mit von der Partie war, sich schon für das Wandern entschieden hatte, würde ich jetzt die Variante „Vogel“ bevorzugen wollen. Dieser Wunsch allerdings sollte mir aus unerklärlichen Gründen nicht erfüllt werden…
Rien ne va plus
Es sollten noch seeehr lange letzte 9 km werden. Es galt vorerst, am Ufer des Hopfensees den nächsten Verpflegungspunkt zu erreichen, an dem es noch einmal Kohlenhydrate in Form von Riegeln und Bananen zum Nachtanken der Glykogenspeicher gab.
Die Schmerzen in beiden Füßen waren mittlerweile unerträglich. Eine große Blase hatte sich im Bereich der rechten Ferse gebildet. Meine Fußfesseln waren angeschwollen und entzündet. Unterwegs hatten Schubby und ich bereits bemerkt, dass viele Teilnehmer ein zweites Paar Trailrunning oder Approach-Schuhe zum Wechseln dabei hatten. Diese Sportsfreunde waren definitiv schlauer gewesen als wir.
Das Lederfutter meines Trekkingschuhs nahm zu diesem Zeitpunkt einfach keine Feuchtigkeit mehr auf und es entstand Reibung. Schubby war also wohl doch mit seiner GORE TEX Variante besser bedient...
Die letzten Meter
Ich kann diese letzten Kilometer mit Worten nur sehr schwierig beschreiben. Man funktionierte halt irgendwie. Die Bänke, die am Wegesrand rechts und links in der Dunkelheit auftauchten, waren schon längst nicht mehr unbesetzt. Wir waren also tatsächlich nicht die Einzigen, die diesen Kampf auf den letzten Abschnitten der 24 Stunden von Bayern fochten. Nun hieß es, ein letztes Mal die Kräfte zu bündeln! Der finale Anstieg hinauf zum Galgenbichl war irgendwann dann auch vollbracht und schon bald danach lag es vor uns: Das Ziel!
Es muss ein Bild für die Götter gewesen sein, wie Schubby und ich zusammen mit zwei weiteren Teilnehmern über die Ziellinie des Wandermarktplatzes krochen, schlichen, humpelten... Es war egal!  Wir hatten es tatsächlich vollbracht!
Zu guter Letzt

Ich hatte es mir so fest vorgenommen! Ich wollte sie ein für allemal universell beantwortet haben, die Mutter aller Schuh-Fragen. Ich wollte ihn besteigen, den Olymp… Es ist wahrscheinlich wie bei so vielen Dingen im Leben: Die Wahrheit liegt in der Mitte. Man muss es eben für sich selbst entscheiden. Eigene Erfahrungswerte sind oft wertvoller als jeder noch so gut gemeinte und hoffentlich professionelle Verkäuferratschlag. Eines steht jedoch fest: Der Trend geht glasklar zum Zweitschuh!
Von mir aus auch mit Membran…
Mein Dank gilt der Firma Hanwag, den „Outdoorer/Innen“ dieser Tage, allen Helfern und natürlich dir, Schubby! Wir kommen nächstes Jahr gerne wieder, ganz bestimmt!
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