Der Swiss Iron Trail II - Annabel berichtet über ihr Erlebnis

Nachdem ich euch bereits von meiner ersten Hälfte Swiss Iron Trail erzählt habe, folgt jetzt Part II.

Die Entdeckung der Langsamkeit
Beim Aufstieg zur Fuorcla Surlej ist es ziemlich warm und das Frühstück benötigt einen Teil der Energie zur Verdauung. Es gelingt mir durch das Drücken der Triggerpunkte am Schollenmuskel eine Besserung für die Wade zu erzielen. Dennoch habe ich das Gefühl, wieder nur sehr langsam voran zu kommen. Ich schaue auf die Uhr. Vielleicht täusche ich mich, denn auch die Zeit vergeht gerade unendlich langsam.

Ich muss an Momo denken und an den Rat von Mr. Hora ganz langsam zu gehen und registriere just in dem Moment ein Wächtermurmeltier. Normalerweise geben diese Wächter Signal an ihre Kollegen sobald jemand kommt. Er steht da und scheint mich nicht zu bemerken, obwohl ich ihm nun schon relativ nahe bin. Bewege ich mich etwa so langsam?

Ich setze mich auf einen Stein, genieße das Panorama und die Stille. Wie heißt es doch so schön, der Weg ist das Ziel. Erholt und deutlich schneller (GPS hatte ich keines, aber der nächste Wächter rief sofort „Alarm“) steige ich weiter hinauf.

Sturm und Gewitter bei Isola/Maloja
In Sils beantworte ich ein paar interessierten Passanten stolz Fragen zum Rennen. Unten im Ort ist es jetzt sonnig und heiß. Ich wechsle die Gläser meiner Sonnenbrille und ziehe aus, was noch in meinen kleinen 5L Salomon Rucksack passt. Der Weg führt durch ein Waldstück. Als ich heraus trete, sehe ich eine tiefe schwarze Front am Himmel.

Die ersten Tropfen fallen und ich schaffe es gerade noch rechtzeitig meine Regenkleidung anzuziehen bevor starker Regen und Sturm aufkommen. Drei Segelboote kämpfen auf dem Silsersee mit den widrigen Umständen und einige Spaziergänger, die ich überhole, sprechen von Sturmwarnung. Wird man uns unter diesen Bedingungen weiterlaufen lassen, frage ich mich und bemerke, dass ich über einen Abbruch nicht wirklich traurig wäre. Die immer nassen, teils kalten und schmerzenden Füße, der ständige Wechsel der Temperaturen…

Pause in Maloja und der Weg über den Lughinapass
Gegen Mittag erreiche ich die 9. Versorgungsstelle in Maloja (km 100). Neben einer warmen Mahlzeit, die ich gerne in Form einer heißen Kartoffel annehme, könnte man hier auch medizinische Versorgung erhalten. Ich prüfe ob ich eine Blase habe, die versorgt werden müssen und stelle fest, dass der Speed Trail Socken von Bridgedale wirklich gut funktioniert.

Keiner spricht hier von Sturm. Ich erkundige mich wegen des Wetters, ein Begleiter prüft die Vorhersage auf seinem Smartphone. Dort ist keine Warnung ersichtlich, aber es soll sehr kalt werden: bis -5 Grad auf mittlerer Höhe. Es ist jetzt etwa 14 Uhr. Bei dem Tempo erreiche ich die nächste Wechselgepäckstelle frühestens in der Nacht.

Ich frage nach einem Sportgeschäft und hole mir dort eine lange Laufunterhose. Warm eingekleidet starte ich zusammen mit ein paar anderen Läufern. Inzwischen ist es wieder sonnig und warm geworden und wir alle schwitzen in unseren Regenkleidungen. Also ziehen wir wieder aus was geht. Die Unterhose lasse ich der Einfachheit halber und zu meinem späteren Glück an. Nino, ein anderer deutscher Läufer, und ich sind gerade am fittesten und steigen zügig zum Lughinapass hinauf.

Als mal wieder die ersten Regentropfen fallen und leichter Wind aufkommt, ziehe ich etwas zu optimistisch meine Gore Weste an. Denn trotz aller Vorsicht trocken zu bleiben, habe ich allmählich echt genug von der ständigen An- und Auszieherei. Als würde mir der Wettergott auf meine trotzigen Gedanken antworten, kommt nun starker Sturm auf.

Blitzschnell wird es eiskalt, wir kämpfen gegen extreme Windböen und befinden uns plötzlich in dichtem Schneegestöber. Auf Ninos Vorschlag hin, retten wir uns an einen großen Felsbrocken und ich versuche, mehr schlecht als recht geschützt vor dem Sturm, die bereits nasse Regenkleidung aus- und mein warmes Oberteil darunter wieder an zu ziehen. Ich hole meine bereits pitschnassen dünnen Gore Handschuhe raus, wobei sich meine Hände mit ihnen nur noch kälter anfühlen. Leider zieht das Wetter nicht wie gehofft vorüber, dafür kühlen wir mehr und mehr aus.

Schneesturm und eisige Kälte, und das Mitte August
Wie beschließen, uns ein paar anderen Läufern anzuschließen, die gerade dem gleichen Schicksal ausgesetzt sind. Der Sturm ist extrem, die Steine auf denen wir laufen rutschig, meine Hände schmerzen vor Kälte.

Da man die Hände nicht bewegt und ich auch meine Stöcke unter diesen Umständen nicht unter die Regenjacke in den Rucksack packen kann, wird das Kälteproblem der Hände immer heftiger. Ich überlege umzudrehen und frage die anderen ob der Weg zurück nach Maloja kürzer sei, als der über den Pass? Keiner weiß es so genau bzw. alle kämpfen zu sehr mit dem Unwetter. Sie sagen etwas von Rennleitung, Schlussläufer, GPS-Tracker…


Mehr zu meinem Erlebnis gibt es in Part III nächste Woche.

Bilder: Annabel Müller; Robert Bösch, Dmitry Zadvornov

Unter dem Namen engelhorn sports schreiben hier die Mitarbeiter von engelhorn sports und weitere Gastautoren. Über ihr Leben als Sportler, über Neuigkeiten aus dem Haus und über das neueste Equipment.
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