Der Swiss Iron Trail - Annabel berichtet über ihr Erlebnis

Wie ich auf die verrückte Idee kam 201 km am Stück laufen zu wollen?

Nachdem ich dieses Jahr den Zugspitz Ultratrail mit 100km und 5.400hm unter 22 Std. ohne größere Beschwerden gemeistert habe, wagte ich die Anmeldung zum Swiss Iron Trail. Ich war nicht sicher, ob ich es schaffen würde, die Königsdistanz von 201km zu absolvieren, aber ich wollte ein paar schöne Tage in den Bergen erleben und das Zeitlimit ist mit 66 Std. großzügig bemessen.

Vor dem Lauf musste ich leider noch eine ungewollte Laufpause machen. Auf einem unwegsamen Waldstück bei Neustadt bin ich links ordentlich umgeknickt, also hielt ich mich mit Radfahren und Krafttraining fit und hoffte auf den positiven Effekt des Belastungswechsels. Mit weniger Training, dafür aber gut regeneriert, ging ich am 14.8.14 um 11:50h in Davos an den Start.

17 Frauen und 127 Männer aus unterschiedlichsten Ländern traten an, um die 201 km und 11.480 hm zu meistern. Der Wettergott meinte es besser als in den Vorjahren, aber es waren neben Sonne auch Wind und Regen, sowie Nachttemperaturen um den Gefrierpunkt gemeldet. Die größte Schwierigkeit sollte aber die Nässe von unten darstellen. Es hatte am Vortag und in den Wochen zuvor sehr viel geregnet und die Pfade glichen kleinen Bächen, an denen allzu oft kein Weg vorbei führte. Wir laufen gemütlich los, nach Straße und Forstweg, freue ich mich über die ersten Trails.

Sollte mein Abenteuer ein sehr frühes Ende nehmen?
Leider hält die Begeisterung nicht lange an, denn bereits am Anstieg zum Sertigpass ist mein geliebter Cascadia triefend nass und nur wenig später spüre ich bei jedem Schritt einen unangenehmen Schmerz an der rechten Fußsohle. Das hatte ich schon mal. Es war am Pfalztrail 2013 und dort war es auch extrem nass.

Vielleicht rutsche ich bei Nässe im Schuh, denke ich, und schnüre ihn fester - der Schmerz ist hartnäckig. Nach nur einem Zehntel der Strecke aufgeben zu müssen, macht mich ärgerlich und traurig. Die akribische Vorbereitung, das Mitschleppen der Wechselsachen – alles umsonst?


Nein, ich möchte so gerne noch ein paar schöne Eindrücke hier erleben. Wann hat man schon mal die Möglichkeit so sicher (mit GPS-Tracker, Streckenüberwachung, Verpflegung, mit Leuchtbändchen markierten Wegen, usw.) nachts durchs Gebirge zu laufen? Also laufe ich weiter, lenke meine Gedanken in eine positive Richtung und versuche den Schmerz wegzulächeln. Angesichts eines gigantischen Wasserfalls und eines kleinen sehr malerischen Waldsees gelingt mir das kurzzeitig. Danach hilft mir der Gedanke an den neuen trockenen Schuh bei km 60 in Samedan. Ich laufe die erste Nacht durch und nach leichtem Regen zeigt sich ein imposanter Sternenhimmel.
 
Atemlos durch die Nacht, bis der…..
Das „Durchbeißen“ kostet Kraft und Zeit und so erreiche ich erst 2-3 Stunden später als geplant Samedan, wo ich umgehend Socken und Schuhe wechselte. Obwohl es noch gute 1,5 Stunden zum Cut-Off sind, herrscht bereits Aufbruchsstimmung. Mein Beutel war der letzte in der Box und da ich keine Schlafplätze sehe, denke ich, es seien schon alle weg.

Ich nehme eine kurze Mahlzeit, packe Gels und Riegel und Langarmshirt ein und verlasse als gefühlt letzer Läufer die Halle. Draußen bemerke ich, wie kalt es inzwischen geworden ist (2-4° C im Tal). Ich ziehe zusätzlich meine Regenkleidung an und spüre sofort die Kältebrücke an den Oberschenkeln. Die doch recht dünnen Sleeves mit denen ich am Zugspitz Ultratrail gut klar kam, könnten ein Problem werden. Ich überlege umzudrehen und den Kilometer zurück zu laufen, um meine ¾ Hose zu holen, entscheide mich dann aber dagegen. (Ich befürchtete, dass das Gepäck sowieso bereits auf dem Rücktransport sei und ich nur unnötig Zeit verliere). Ich versuche schneller zu laufen, damit mir warm wird - das gelingt mir jedoch nur mäßig.

Der Team R-Light 001 ist nämlich wesentlich stabiler als der Cascadia und lädt in Kombination mit meinem leider immer noch schmerzenden Fuß nicht wirklich zum Rennen ein. Es geht steil bergan und ich friere nicht mehr. Dafür macht mir plötzlich beim steilen Anstieg nach Margun meinen Kreislauf zu schaffen. Ein für mich ganz neues Gefühl.

Ich nehme wieder Tempo raus und überhole gefühlt langsam eine andere Läuferin, der es ganz offensichtlich noch schlechter geht als mir. Am schmalen Gipfel angekommen, sehe ich Licht in einer winzigen Berghütte. Drinnen ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen und eine „kleine Theke“. Mir wird Tee und Suppe angeboten, ich setze mich einen Moment. Wie es sich anhört, hat auch mein Mitläufer am Tisch „nicht seinen besten Tag“.

Als wenig später die andere Läuferin die gute Stube erreicht, nutzt er dennoch die offene Tür zum Aufbruch. Katia hingegen telefoniert, um sich in Pontresina abholen zu lassen. Ich breche schnell auf, bevor ich mir noch ähnliche Gedanken mache und steige zügig und in wesentlich besserer Verfassung hinab nach Pontresina. Zur Frühstückszeit gegen 6:45 Uhr erreiche ich Pontresina und die in einer Tiefgarage (!) gelegene Versorgungstelle.

Part II meines Laufs gibts nächste Woche...

Bilder: Bild 1 - Annabel Müller, Bild 2 - Robert Bösch

Anabell ist Lauftrainerin beim wöchentlich stattfindenden engelhorn sports Lauftreff.
Anabell ist Lauftrainerin beim wöchentlich stattfindenden engelhorn sports Lauftreff.
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