Der Marathonmann: ein neuer Trainingstag

Wenn einer wie der Eisenberger Jürgen Ullmer schon in New York einen Marathon gelaufen ist und die 42,2 Kilometer insgesamt 14 Mal bei verschiedenen Wettbewerben überwunden hat, dann hat er zweifelsohne Einiges an Erfahrung. Einen besseren Trainingspartner hätte sich Sebastian Stollhof also wohl kaum aussuchen können.
Eisenberg. Zu spät. Das geht ja gut los. Zu spät - und das ohne einen triftigen Grund. Nicht verpennt, kein Glatteis, keine mit Schnee bedeckten Straßen, noch nicht mal Regen. Und auch keine „Sonntagsfahrer“ auf den Straßen. Einfach nur zu lange zu Hause rumgebummelt. Jürgen Ullmer wartet schon vor seinem Haus in der Sanvignesstraße in Eisenberg. Und er nimmt’s mit Humor. „Fünf Minuten hätte ich noch gewartet“, sagt er mit einem Lächeln. Gut, dass heute nur ein Trainingslauf zu zweit ansteht - und kein Römerlauf. Denn am 14. April 2013 den Startschuss zu verpassen, wäre fatal. Schließlich steht an diesem Sonntag der erste größere Lauf auf dem Weg zum Weinstraßenmarathon an. 25 Kilometer, über 600 Höhenmeter. Der Eisenberger „Römer“ hat es in sich. Ein Lauf eben, der ohne Training wohl nicht zu bewältigen ist. Zumindest für mich. Also Schluss mit Schnacken, los geht’s.
Jürgens Tipp: Hände leicht zur Faust ballen
Über die Sanvignesstraße, vorbei am Gebäude der Telekom hinein in die Konrad-Adenauer-Straße. Auch wenn es im Moment (ausnahmsweise) mal nicht regnet, so hat Jürgen Ullmer eine Strecke ausgewählt, die wetterunabhängig ist, komplett auf Straßen (beziehungsweise Rad- und Fußwegen). Alles andere wäre an diesem Tag wohl auch nur ein K(r)ampf im Matsch. „Hier kann man immer laufen, auch wenn Schnee liegt“, sagt der 55-Jährige. Wir laufen Richtung „Hit“-Markt, und der Abteilungsleiter des Lauftreffs der TSG Eisenberg hat gleich den ersten Tipp parat: „Beim Laufen die Hände nur leicht zu einer Faust ballen und den Daumen locker oben auflegen, sonst kann man verkrampfen.“ Wie sich herausstellen wird, ein sehr guter Ratschlag.
Kurze Laufanalyse
Ullmer macht langsamer. „Lauf du nur normal weiter.“ Er will sich mal von hinten betrachten, wie ich mich fortbewege. „Sieht gut aus“, so der kurze Kommentar. Danke, solch ein Lob bekomme ich aus dieser Perspektive auch nicht alle Tage. Ehrlich gesagt, fühle ich mich auch gut. Anders als noch unter der Woche bei meinem Trainingslauf am Donnersberg. Da gab’s noch die leidvolle Erfahrung, dass eine knapp zweiwöchige Trainingspause fatal sein kann. Von Lockerheit war da nichts zu spüren. Eine zwölf Kilometer lange Qual.
Zwölf Kilometer liegen vor uns
Auch heute stehen zwölf Kilometer an. Zunächst bergab, das Tempo ist in Ordnung, gar nicht quälend. Von der Konrad-Adenauer-Straße geht es auf die L395 und dann in die Römerstraße. Nicht mehr bergab, sondern bergauf, lange bergauf. Knapp fünf Kilometer lang. So langsam läuft der Schweiß. Der lief bei Jürgen Ullmer natürlich auch, als er seinen ersten Marathon absolvierte. 40 Jahre jung war er damals. „Das war in Frankfurt, 3:32 Stunden habe ich damals gebraucht“, erinnert sich der 55-Jährige. Alle Achtung. „Mir hatte damals jeder gesagt, dass nach 35 Kilometer der Hammer kommt. Aber er kam nicht.“ Zumindest nicht während des Laufens. Dafür aber danach... Schneller als in Frankfurt lief er die 42,2 Kilometer übrigens nur noch einmal, 2001 in Mainz. 3:30 Stunden brauchte er da. „Heute interessieren mich diese Zeiten nicht mehr so sehr“, sagt der Eisenberger.
Der Weg ist noch weit...
Eine bestimmte Zeit habe ich mir für den Weinstraßenmarathon auch nicht vorgenommen. Zumindest noch nicht. Wichtig ist eine gute Vorbereitung. Ullmer, schon seit fast zehn Jahren Abteilungsleiter der TSG, kalkuliert für sich dabei ein viertel Jahr ein, erzählt er. Rund 70 Kilometer spult er dann die Woche ab. Vier Mal war ich in der vergangenen Woche laufen, insgesamt 40 Kilometer. Der Weg ist noch weit... Jürgen Ullmer ist einmal sogar einen Marathon ohne Vorbereitung gelaufen, 2004 am Bodensee. Nach 25 Kilometer fing er an zu gehen. „Dann habe ich mir ausgerechnet, ob ich in diesem Tempo noch vor Zielschließung ankomme. Es hätte nicht gereicht.“ Ullmer nahm Tempo auf, kam nach 4:21 Stunden an. Auch so ein Erlebnis, das er wohl nie wieder vergisst. Genauso wie den Marathon in New York, bei dem er 2007 teilnahm.
Der Puls kommt in die Höhe
Wir sind währenddessen längst auf dem Radweg entlang der B47 angekommen, laufen schnurstracks Richtung Hettenleidelheim. An der Erdekaut sollte eigentlich ein Fotograf auf uns warten. Klappt leider nicht. Wir laufen weiter, nach Hettenleidelheim rein, ein Stück die Tiefenthaler Straße entlang, kurz vorm Autohaus Roth geht’s über „Am Steinbruch“ in die Turnhallenstraße. Der Gipfel ist erreicht. Gut so. Rund 200 Höhenmeter, zeigt Ullmers Uhr an, haben wir bewältigt. Vorbei am Kindergarten geht es nun wieder bergab. Ein kurzer Abstecher in die Bürgermeister-Schmidt-Straße muss sein. Hier hat Ullmer einige Jahre gewohnt. Die nächsten Erinnerungen kommen hoch. Wir lassen rollen, kommen bald wieder auf den Radweg entlang der B47. Und gerade als es zwischendrin wieder etwas bergauf geht, zieht der 55-Jährige das Tempo an. „Bis zum Verkehrsschild. Welches, sag ich Dir dann.“ Danke, so genau wollte ich es gar nicht wissen. Nach zwei Minuten werden wir wieder langsamer. „Das waren knapp 400 Meter. Ich wollte, dass wir deinen Puls etwas in die Höhe treiben.“ Das hat er geschafft.
980 Kalorien weniger
Am Gielbrunnen drehen wir eine kleine, 900 Meter lange Ehrenrunde. Der Tipp mit der lockeren Faust zahlt sich spätestens jetzt aus. Zum Schluss geht’s in der Konrad-Adenauer-Straße noch mal bergauf, und an der Vier-Kilometer-Marke des Römerlaufs vorbei. Zumindest hier weiß ich schon einmal, was mich in vier Monaten erwarten wird. Nach 1:15 Stunden kommen wir wieder in der Sanvignesstraße an. 980 Kalorien sind rausgeschwitzt. 6:05 Minuten macht das pro Kilometer. „Beim Römerlauf kannst du sogar ein noch etwas langsameres Tempo gehen“, rät Ullmer. Muss ich wohl auch. Für 12,4 Kilometer war das in Ordnung. Im April stehen dann aber ein paar Kilometer und Höhenmeter mehr an...
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