Der Marathonmann: Auch mit schmutzigen Socken gibt es Blasen

42,2 - Der Marathonmann: Normalerweise bekommen die Auszubildenden an ihrem Arbeitsplatz gesagt, was sie zu tun haben. Diesmal gibt der Azubi aber den Ton an. RHEINPFALZ-Volontär Christian Clemens hat dem Redakteur Sebastian Stollhof etwas voraus - nämlich, wie man einen Marathon läuft...
Asselheim. Zugegeben, wir hätten uns wahrlich besseres Wetter für diese Trainingseinheit aussuchen können. Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, Wind, Regen - angenehm ist anders. Aber das ist eben auch schon die erste Lektion, die mir Christian Clemens an diesem Nachmittag erteilt: Läufer sind nicht aus Pappe und trainieren bei Wind und Wetter. Denn wer sein Ziel erreichen möchte, der kann die miesen äußeren Bedingungen nicht als Ausrede nehmen. Und dann gibt es schließlich noch den Spruch, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung gibt. Ich weiß...

Also starten wir in Asselheim an der Turnhalle. Es wird der Auftakt eines kleinen Berglaufes. Passt: Im Februar will ich schließlich auch am Donnersberglauf teilnehmen. Gut möglich, dass das Wetter dann sogar noch schlechter ist. Aber Bergläufe sind nicht das Thema, sondern es geht darum, wie man einen Marathon bewältigt. Christian Clemens hatte mir bei seiner Premiere im Jahr 2007 etwas voraus - nämlich zahlreiche Läufe. Nicht nur über zehn, sondern auch 21,1 Kilometer, also die Halbmarathondistanz. Seine Bestzeit hier liegt übrigens bei 1:24 Stunden. Um Zeiten geht es mir nicht. Ich will am 30. März 2012 einfach nur ins Ziel kommen. Gut, der letzte Platz sollte es dann auch nicht gerade sein.
Angelesene Fitness für den Marathon
Der 27-Jährige hatte sich damals übrigens mit Literatur fit für den Marathon gemacht. Genauer gesagt, er hatte sich angelesen, was er später einmal trainieren sollte. Zum Beispiel langsam laufen. Ganz langsam laufen. „Das muss man lernen, gar nicht so einfach“, weiß Clemens. Wir laufen gerade die Steigung Richtung Weinwanderhütte hoch. Für mich in einem ordentlichen, aber wahrlich nicht zu hohem Tempo. Der Volontär - so heißen diejenigen, die eine Ausbildung zum Redakteur machen - würde das wohl eher Schneckentempo nennen.
Ich friere zumindest nicht mehr, sondern fange an zu schwitzen. Wir machen kleine Schritte den Berg hoch. Kraftsparend. Ohne zu wissen, was noch kommt. Zugegeben, das was gleich auf uns wartet, wissen wir schon: Fotograf Helmut Dell bittet uns zu einem kleinen Umweg in die Weinberge, damit er auch ein schönes Bildmotiv hat. Den wunderbaren Blick aufs Leiningerland, den man hier normalerweise bekommt, gibt es bei dem trüben Wetter heute leider nicht. Wir sind ja aber auch nicht zum Genießen der Aussicht hier, sondern zum Trainieren. Weiter geht’s bergauf - ohne zu wissen, wo wir gerade lang laufen. Der Weg wird noch steiler, der Boden matschiger. Ich rutsche immer wieder weg, zudem setzt sich der Dreck an meinen Schuhen fest. Die Füße sind gefühlte zehn Kilo schwerer. So macht Laufen keinen Spaß. Zumindest hab ich keine Blasen an den Füßen.
Blasenalarm trotz schmutziger Socken

Als Christian Clemens seinen ersten Marathon in St. Wendel lief, hatte er die nämlich. Nach 20 Kilometern bereits. Gut, dass seine Eltern am Straßenrand standen und zur Hilfe eilen konnten. „Meine Mutter hatte eine Nadel dabei und hat sie mir aufgestochen.“ Aua. Der Tipp, den er damals vor seiner Marathon-Premiere bekam, half also mal nichts. „Mir wurde gesagt, ich soll auf keinen Fall frische Socken anziehen.“ Frisch sind meine Socken im Moment auch nicht mehr (waren sie aber beim Start), sondern nass - und wie sich später zeigen wird, auch ganz schön dreckig. Wir laufen weiter bergauf. Der 27-Jährige ganz locker, ich in der Hoffnung, dass der Gipfel dieses Berges bald erreicht ist. Ist er zum Glück auch.  Während wir über die richtigen Schuhe reden, kommen wir am Quirnheimer Flugplatz an. Auf diesem Weg habe ich das Gelände auch noch nicht erreicht. Man lernt nie aus.
Ausweichen in den Graben
Weiter geht’s am Flugplatz vorbei. Endlich auf einer ebenen Strecke, später sogar bergab in den Ort hinein. Der Volontär verrät, dass er gerne mal wieder einen Marathon laufen würde. Damals, in St. Wendel, brauchte er 3:53 Stunden. Doch das Knie macht derzeit nicht mit. Irgendwann soll es aber wieder soweit sein. Es geht weiter bergab von Quirnheim die Straße Richtung Ebertsheim. Und hier zeigt sich, dass der Läufer nicht immer der Freund des Autofahrers ist. Manche hupen empört, andere kommen in hohem Tempo angerauscht. Wir müssen ausweichen. In die Pfützen im Graben... Christian Clemens hatte vor seiner Marathon-Premiere sieben lange Trainingsläufe über 25 bis 35 Kilometer gemacht. Um sich langsam an die Distanz zu gewöhnen. „Allerdings war das zu wenig, ich hätte mehr machen sollen“, sagt er. Denn egal ob New York, München oder Bockenheim - die letzten zehn Kilometer tun bei jedem Marathon weh. Beim ersten ganz besonders. Na, das kann ja heiter werden.
Christians Tipp: Viel trinken
Dafür kriege ich aber noch einen wirklich nützlichen Tipp: Viel trinken. „Ich hatte bei meinem ersten Marathon zu wenig getrunken“, erinnert sich der Volontär. Heißt für mich: An den Verpflegungsstationen möglichst zu zwei und nicht nur zu einem Becher greifen. Wir laufen über den Radweg zurück nach Asselheim - ungestört von Autos. Marathon-Trainingsläufe sind nicht mehr das Thema, sondern Kerwetraditionen, die wir aus unseren Heimatorten kennen.  Auch schön. Das macht wohl Lust auf einen Schoppen. Wir ziehen nämlich unbewusst das Tempo an. Die Zeit ist dennoch alles andere als rekordverdächtig: Für die knapp zehn Kilometer brauchen wir 65 Minuten. Allerdings hatten wir zwischendrin eine kleine Pause, um Bilder zu machen. Dann noch das miese Wetter mit dem Gegenwind bergauf. Egal, eine gute Trainingseinheit war’s auf alle Fälle. Und den Weinstraßen-Marathon will ich ja schließlich nicht gewinnen, sondern einfach nur ins Ziel kommen. Das reicht mir für den Anfang.
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