Der "Endura Alpen-Traum" - oder doch eher ein Alp-Traum?


Mitte September war es soweit, das letzte Saisonhighlight unseres Team Alpecin sollte in Sonthofen starten: der "Endura Alpen-Traum".

252 km, 6000 Höhenmeter – this is madness!

Das Monster, welches wir zu bewältigen hatten, wurde dieses Jahr zum ersten Mal ausgetragen. 252 km, 6000 hm verteilt über 6 Berge, wobei Start und Ziel eine Höhendifferenz von knapp 1200 hm aufweisen.


Das Höhenprofil bekam ich das erste Mal in der Woche vor dem Event unter die Nase gehalten, da mein Teammitglied Ralf es unübersehbar bei Facebook postete. Mein erster Gedanke: „This is madness - never ever!“ Da ging es ja nur steil rauf oder runter – Erholungsphasen Fehlanzeige.

Die Pasta-Party sorgt für Stimmung und Stärkung

Die Anreise erfolgte für uns Alpecinis am Freitag, den 13. September. Über den aktuellen Stand der Wetterlage wurden wir vorab immer bestens vom Männer-Gesundheits-Beauftragten Patrick Lucke informiert. Top organisiert und mit bestem Equipment ausgestattet, hatte er eine mobile Kühlbox mit einer reichhaltigen Auswahl an Squeezy-Energybars und -gels dabei.



Gemeinsam machten wir uns in fast kompletter Mannschaftsstärke auf den Weg zu einer einstündigen Ausfahrt, um „das Wasser aus den Beinen zu fahren“. Nur unser Nordlicht Linda kam wegen einer Erkältung nicht nach Sonthofen, fieberte aber dank Liveticker auf Facebook mit.

Nach dieser Ausfahrt erfolgte im Rahmen einer Pasta-Party die Nummernausgabe, ein Briefing über die Streckenbesonderheiten und eine kleine Vorstellung unseres Teams auf der Bühne. Schön war, dass man viele bekannte Gesichter wiedersah!

Auf den gemächlichen Start folgen rutschige Abfahrten

Der nächste Morgen: Aufstehen, die Assos-Teambekleidung überstreifen, am Rad zum allerletzten Mal die Gänge durchschalten und Bremsen kontrollieren, Koffer nehmen, Hotelzimmer verlassen und auf zum Frühstücksbüffet – danach direkt zum Start.
Gemächlich ging es nach dem Start los, die ersten Kilometer in Sonthofen verliefen erstaunlich ruhig. Der erste Berg, das Oberjoch, tat mächtig weh und würde zügig gefahren, doch ich konnte der ersten Gruppe noch gut folgen.



Am zweiten Berg, dem Hahntennjoch, wartete direkt eine Steilpassage auf uns. Ich wollte und konnte nicht dem hohen Tempo der Bergziegen folgen und ließ eine Gruppe von ca. 20 Mann ziehen inklusive meines Sportlichen Leiters Jörg Ludewig, unserem Teamcoach Tim Böhme, Stefan Kirchmair und den beiden NetApp-Endura-Profis. Nach einer langen Bergauffahrt ging es in die saukalte und extrem rutschige Abfahrt. An vielen Kurven standen Ordner und warnten vor zu hoher Geschwindigkeit.

Die zweiten 100 km – erschöpft, aber noch im grünen Bereich

Als wir danach die Ortschaft Landeck passierten, hatten wir erst 100 km geschafft. Nach der Fahrt zur Pillerhöhe, ein Berg mit extremen Steilstücken, schwamm ich im Sog der 2. Gruppe lange mit und konnte die Abfahrt und die lange „Gerade“ Richtung Pfunds genießen. Vorbei an Stauseen, aus denen noch die Kirchtürme ragen, ging es über den Reschenpass hinab nach Laatsch. Bis hierher waren es fast 200 km - man war etwas erschöpft, aber die Radwelt war noch irgendwie in Ordnung.

Da ist er: das Ungetüm von 1300 Höhenmetern

Doch dann stand auf einmal dieser verdammte Berg im Weg. 17 km und 1300 hm, die Doppelspitze aus Umbrailpass und Stilfser Joch. Begrüßt wurden wir von einem kleinen Feldweg mit über 20% Steigung, vor uns kippte sogar ein Begleitmotorrad zur Seite. Hier ging also das wahre Leiden erst los! Ich erkämpfte mir einen Höhenmeter nach dem anderen. Aus purer Verzweiflung folgten dann innere Gespräche mit dem Berg, die mit beleidigenden Äußerungen auf beiden Seiten endeten. Mitten im Anstieg fuhr plötzlich ein Auto neben mir, ein bekanntes Gesicht und eine Fotolinse, welche mir schon den Morgen versüßt hatte, kamen aus dem Fenster.



Die Radprofis sprechen immer von „in den Schmerz fahren“, spätestens zu diesem Zeitpunkt erkannte ich, was das heißt! Man fährt nur noch gegen den eigenen Körper und dieser will nach 8 Stunden Fahrtzeit eigentlich schon seit 2 Stunden Feierabend haben. Nach endlos langen Serpentinen, Schotterpassagen und Schnee am Straßenrand erreichte ich die Passhöhe des Umbrail – endlich! Oben schüttete ich alles, was Zucker enthielt, in mich rein: mehrere Gels und einige Becher Cola verschwanden in meinem dürstenden Rachen.

Enge Kurven fordern die letzten Reserven

Auf einmal zog ein bekanntes Gesicht vorbei. Mein Teamkollege Stefan Klimek hatte mich wieder eingeholt und wir beide fuhren die letzten Höhenmeter gegen das Stilfser Joch an. Doch er hatte eindeutig mehr Reserven, ich musste ihn ziehen lassen. Die 48 Kehren in der Abfahrt nahm ich nur in Trance wahr. Schlechter Straßenbelag, Teer und enge Kurven verlangten starke, schon lange nicht mehr vorhandene Konzentration!
Nachdem diese Prüfung gemeistert war, stand noch ein kleines Männchen in Form des Anstiegs von Gomagoi nach Sulden an. Mittlerweile auf italienischem Boden, legte ich allen unnötigen Ballast in das Begleitfahrzeug der Men‘s Health und erklomm die letzten Meter in Richtung Ziel.

Endlich: die Quälerei hat ein Ende!

Dann war endlich das Ziel zu sehen. Trotz aller Quälerei machte sich ein Gedanke breit: das war ein verdammt schönes und erlebnisreiches Jahr!


Nach genau 10:10:10 Fahrzeit war ich im Ziel. Der erste Gedanke ist und bleibt, dass diese Strecke für mich viel zu hart und lang war. Dieser „Alp(en)-Traum“ hat einem wirklich alles, das Letzte und noch viel mehr abverlangt. Im Ziel erwartete ich die weiteren Teammitglieder und versuchte, mit heißen Tees oder süßen Nahrungsmitteln wieder etwas Freude in die erschöpften Gesichter zu bringen. Wir alle erreichten Sulden irgendwie und waren am Abend wiedervereint. Zudem erreichten wir sogar den ersten Platz in der Teamwertung!

Da bleibt nur noch zu sagen: Respekt, Respekt und … Respekt

Mein Respekt geht an alle, die dieses Rennen gefahren sind. Ich hätte nicht eine Sekunde länger auf meinem Rad sitzen wollen. Die Leute, die sogar spät in der Dunkelheit ins Ziel kamen - das sind wahre Helden!
An dieser Stelle auch einen großen Respekt an Markus Rech, den Geschäftsführer von engelhorn sports. Beim Ötztaler noch vom schlechten Wetter und eisiger Kälte gestoppt, erreichte er jetzt nur kurz nach mir das Ziel in Sulden. Er ist für mich nicht nur ein Unterstützer, sondern teilt auch noch das Leid und die Leidenschaft mit uns Alpecinis. Danke für den Einsatz und die Möglichkeit, mein Jahr hier in eurem Blog niederschreiben zu dürfen!



Bilder:
© Plan B / Trautman
© Björn Hänssler
© www.alpen-traum.com (Höhenprofil)

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