Bergtour: Warum Urlaub, wenn es doch Bergsteigen gibt?


Wie so oft im Leben fing alles mit einer Idee an. Die Idee wandelte sich mit der Zeit, verlor den Nimbus des Unantastbaren und wuchs zu einem Traum, der so manchen Abend mit Gesprächsstoff füllte. Bis der Traum dann eines Tages durch die nötige Dosis Erfahrung und Motivation zum Plan heranwuchs: Der Plan, die 1200 Meter hohe Nordwand der Aiguille du Midi über den Frendo Pfeiler zu besteigen.
Eine Idee wird zum Plan
Dieses Jahr sollte es soweit sein. Im August nahm ich mir eine gute Woche frei und verabredete mich mit meinem Seilpartner aus Köln dazu, in diesem Zeitfenster die idealen Wetterbedingungen abzupassen. Aus Berichten anderer Seilschaften wussten wir, dass der Pfeiler in guten Verhältnissen war. Zwar würde der komplette obere Teil im Blankeis und nicht im Trittfirn zu bewältigen sein, dafür konnten wir mit einem schnee- und eisfreien Felsteil rechnen. Am 9. August war es dann soweit, unsere Bergtour startete - wir fuhren los nach Chamonix. Vor Ort wurden die Rucksäcke geschultert und mit der völlig überfüllten Seilbahn ging’s hoch zur Mittelstation Plan de L’Aiguille. Von hier aus sind es nur noch 45 Minuten bis zu einem gemütlichen Biwackplatz auf einem großen Felsen auf dem Gletscher mit Gletscherbach und Blick in die Nordwand. Letzterer flößte uns dann doch einiges an Respekt für dieses riesige Stück Wand ein.
 

Der Respekt ist groß
Nach einer Nacht am Einstieg ging es am nächsten Morgen dann voll ausgerüstet mit Biwackmaterial, Eis- und Felsausrüstung um 6 Uhr los zu unserer Bergtour. Die ersten Bänder sind noch einfach und werden seilfrei geklettert, doch schon bald wird das Gelände steiler und wir gehen simultan. Im Bereich der ersten Schlüsselstelle, eine schöne 5a A0, sichern wir sogar kurze Zeit in Seillängen, doch alles läuft schnell und gut und ich muss trotz des schweren Rucksacks nicht in die Kletterschuhe wechseln. Danach wird das Gelände wieder flacher. Wir gehen erneut simultan und finden nach einem kurzen Verhauer auch den Linksabzweig zu den angeblich mit Schnee gefüllten Rinnen, die sich jedoch als völlig brüchiges Durcheinander entpuppen und uns trotz des im Führer beschriebenen moderaten Schwierigkeitsgrades einiges abverlangen. Kaum ist der Grat in einer Scharte wieder erreicht, steilt sich das Gelände auch wieder auf und die schönsten Seillängen des ganzen Pfeilers folgen: bester Fels, wunderbar absicherbar, tolle Bewegungen und eine logische Linienführung machen die Kletterei trotz der Höhe zum Genuss.
Wir kommen gut voran, die Kletterei ist wunderbar
Doch wie so oft ist das alpine Gelände eben wechselhaft und im Folgenden wechselt sich bester Granit mit Brösel ab. Eine letzte schwere Stelle im doch sehr anhaltend schweren oberen Drittel des Felspfeilers bringt mich dann doch noch dazu, meine Kletterschuhe auszupacken und den Rucksack abzuziehen, die 5c A0 ist ein undankbares Biest! Erleichtert baue ich darüber Stand und ziehe meinen Rucksack hinter mir hoch bevor mein Partner folgt. Wer hier nicht hoch kommt, kann wohl den Hubschrauber rufen! Die folgenden Seillängen gehören dann noch zum Pflichtprogramm, bevor sich der steile Schneegrat am Ende des Pfeilers vor einem erhebt. Doch beim kurzen Eisteil zum Biwackplatz auf dem letzten Turm wird klar, heute ist uns das zu gefährlich! Der wenige Firn auf dem Blankeis ist zu Sulz aufgeweicht und verschlechtert den Halt enorm. Vor einiger Zeit sind hier wohl zwei junge Bergsteiger in den Tod gestürzt. Das wollen wir vermeiden und beschließen, wie geplant auf dem Turm zu biwackieren.

 
Schlafen auf der Schulter des 1000 Meter hohen Felspfeilers
Der Ausblick ist gigantisch, auf drei Seiten unseres Schlafplatzes fällt die Wand fast 1000 Meter steil ab, Chamonix liegt gut 2500 Meter unter uns. Ähnlich wie am Eiger ist auch hier alles im Blick niedriger, alles ist grün, während man selbst vor einer Eiswand sitzt und Schnee für den Tee schmilzt. Bis zum Sonnenuntergang bleibt das Ritual auf unserer Bergtour immer gleich: Schnee holen, schmelzen, und das Wasser dann für zum Tee kochen oder das Abendessen verwenden. Uns beiden ist klar, dass der morgige Tag noch lang und anstrengend wird und so verschwinden wir auch erschöpft von den Strapazen im Felsteil schnell in den Schlafsäcken.
Steileis bis zum Gipfel
Die Nacht ist kalt und glasklar, der Wind lässt uns die -5°C, die um 5 Uhr auf meiner Uhr stehen noch kälter erscheinen. Doch für den Eisteil bedeutet das, die Verhältnisse haben sich wieder verbessert. Nach dem Frühstück brechen wir um 6 Uhr kurz vor den unter uns schlafenden Italienern auf und gehen den ersten Teil noch seilfrei. Doch bald schon müssen wir feststellen, dass das Blankeis ein Sichern in Seillängen nötig macht und wir bauen den ersten Stand im Eis. Von da an gehen wir, um schnell voran zu kommen, mit 3 bis 4 Eisschrauben als Zwischensicherungen gesichert, immer das volle 60 Meter Halbseil aus. Nach gut 12 Seillängen steigen wir endlich erschöpft aus dem Schatten der Wand und tauchen ein in das Getümmel der Seilbahntouristen. Nach 2 Tagen in Abgeschiedenheit ist die Menschenmasse fast ein Schock und wir flüchten uns in die nächste Seilbahn Richtung Tal.
 
Zurück in der Zivilisation
Am Auto angekommen, schälen wir uns bei fast 30°C aus unseren Nordwandklamotten und trinken ein lauwarmes Bier. Begreifen können wir noch nicht, was wir uns gerade für einen Traum erfüllt haben, dafür waren es für die kurze Zeit zu viele Eindrücke und wir sind zu erschöpft. Völlig reizüberströmt von unserer Bergtour schlafen wir den halben Mittag und die ganze Nacht. Nach einem kurzen Plaisierplattenausflug am nächsten Tag sitzen wir wieder im Auto auf dem Heimweg, aber eine weitere Idee ist Wirklichkeit geworden.
Die Tour:
Aiguille du Midi Nordwand
„Frendo Pfeiler“ rechter Ausstieg
D+/TD-; 5c A0; 65°; 1200m
Bei Fragen zu unserer Bergtour oder anderen Touren im Gebiet stehe ich gerne zur Verfügung.
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