Bergtipp fürs Frühjahr: Die Tour Ronde Nordwand

Dauer/Länge: 500hm, 4-5 Stunden
Dauer Zustieg: 1h
Höchster Punkt: Tour Ronde Gipfel, 3792m
Startpunkt: Refugio Torino
Schwierigkeitsgrad: D, schwierig, Eis 50-70 Grad, Fels II.-III.
Ausrüstung: D Stiefel, Eisgeräte, 3-4 Eisschrauben, Friends, 2x 60m Halbseil, stabile Steigeisen, übliche Hochtourenausrüstung; im Winter: LVS Gerät, Sonde, Schaufel.
Anfahrt/Parken: Parken auf dem Parkplatz der Seilbahn in Entrèves, kostenlos
Einkehrmöglichkeiten: wtf? Das ist eine Bergtour! Nimm dein eigenes Brötchen mit!

Zähneknirschend verfolgten wir den Lawinenwarnbericht. Tag für Tag schnellte dieser eine Stufe hoch, von 2 auf 3 und nach nächtelangem Schnee auf 4:
große Auslösegefahr!

Unser lang geplanter Kurzurlaub stand mal wieder auf der Kippe. Und dieser ist gar nicht so leicht zu bekommen, wenn drei Verkaufsberater aus derselben Abteilung das gleiche Gipfelziel haben: Die Nordwand der 3792m hohen Tour Ronde zu besteigen. Doch pünktlich zum Urlaubsanfang erreicht das gute Frühjahrswetter auch die letzte Alpenregion. Die Lawinenwarnstufe sank und ein Hoch für die nächsten drei Tage stellt sich ein.
Berg‘ Heil, es kann losgehen.

Der Berg
La Tour Ronde ist ein 3792m hoher Berg inmitten des Montblanc-Massiv. Über seinen Gipfel verläuft die französisch-italienische Grenze. Bester Ausgangspunkt ist die italienische Hütte Refugio Torino (CAI) auf 3371m.

Diese erreicht man direkt mit der Seilbahn von Entrèves im Aostatal. Vom Refugio Torino ist der Einstieg bei guten Schneeverhältnissen in knapp einer Stunde erreichbar. Der Normalweg ist relativ lang und erfordert kombinierte Kletterei im II. Grad. Empfehlenswerter ist im Frühjahr und Winter bei guter Firnauflage der Aufstieg über die Westseite durch das Couloir Freshfield (AD, bis 50°).

Die Nordwand ist knapp 400m hoch und bildet einen guten Einstieg in die in Chamonix recht steilen und langen Couloirs. Ein früher Einstieg ist aber ein absolutes Muss, um Stein- und Eisschlag und dem beim Abstieg viel zu sulzigem Schnee zu entgehen. Außerdem bietet der Gipfel eine hervorragende Rundumsicht auf Gipfel wie dem Montblanc oder den Dent du Gean, die in der Morgensonne atemberaubend aussehen müssen.

Anreise

Vom Refugio aus gehen wir direkt weiter über den Glacier du Geant zum Fuß der Tour Ronde. Von 0m auf 3500m ohne Akklimatisation schnaufen Sven und ich auf unseren Schneeschuhen recht schwer und beneiden David dafür umso mehr, der uns auf seinen Tourenski in eleganten Schwüngen davon fährt.

Mittlerweile ist es bereits halb 11 und somit viel zu spät, um den Einstieg in die Nordwand zu wagen. Wir entschließen uns, den Westgrat weiter entlang zu laufen und durch das Couloir Freshfield [AD, 50°] bis zum Gipfelgrat aufzusteigen. Der Schnee ist wunderbar verfirnt, die Sonne strahlt und gute Laune macht sich breit. Diese verfliegt auch nicht, als wir uns weiter oben etwas versteigen und die letzten Meter zum Grat durch leichtes Mixedgelände klettern müssen. Oben angekommen bietet sich uns eine umwerfende Aussicht auf die umliegenden Gipfel.

Die Nordwand

Bereits um 4:00 Uhr klingelt uns der Wecker aus unseren Betten. Aus Gewichtsgründen lassen wir die Schneeschuhe zurück, was wir bereits nach den ersten Metern auf dem Gletscher zutiefst bereuen. Knietief sinken wir im Schnee ein, erreichen aber zügig nach einer Stunde Zustieg den Bergschrund. Die Bedingungen im ersten Eisfeld sind wie am vorigen Tag phantastisch. Fast wie auf einer Treppe steigen wir durch das verfirnte, 50° bis 55° steile Eisfeld nach oben. Bereits nach 35 Minuten erreichen wir den Flaschenhals, die Schlüsselstelle der Nordwand.

Die Schlüsselstelle: Der Flaschenhals

Die enge, zwischen 60° und 70° steile Eisrinne ist wie befürchtet mit Blankeis überzogen. Schnell bauen wir im rissigen Granit einen Standplatz mit zwei Friends und holen die beiden Halbseile aus dem Rucksack. Sven steigt routiniert vor und findet nach etwa 30m einen Bohrhaken in der rechten Felswand. Während ich konzentriert und etwas krampfhaft an meinen Eisgeräten nachsteige, lasse ich einen einzelnen und ungesicherten Kletterer mit Skiern auf den Rücken an mir vorbei. 

In der zweiten, etwas längeren Seillänge bekommen wir Probleme mit unseren Seilen. Jetzt rächt es sich, die beiden Halbseile nicht ordentlich aufgeschossen zu haben. Diese sind zu einem einzigen, riesigen Knoten verheddert und hängen an einer scharfkantigen Granitspitze fest.

Das zweite Schneefeld

Auch im zweiten Schneefeld liegt abgesehen von einigen vereisten Stellen eine griffige Firnauflage. Meter für Meter rächt sich aber immer mehr meine mangelhafte Steigeisentechnik im Flaschenhals: Die Fußmuskulatur brennt und bei jeder Belastung der Frontalzacken schießt ein explosionsartiger Schmerz an meiner Wade hoch. Der Schmerz ist kaum auszuhalten. Auch die Stufen, die ich ins Eis kicke und schlage entlasten meine brennenden Füße nur kaum. 

Ich versuche meine Angst zu unterdrücken und atme erst einmal tief durch. 50m rechts über mir befindet sich ein einzelner Felszacken der gerade groß genug erscheint um sich rittlings auf ihn zu setzen. Zu diesem Punkt musst du es schaffen! Dort kannst du dich ein paar Minuten ausruhen! Also nehme ich meine letzte Kraft zusammen, ramme entschlossen meine Steigeisen ins Eis uns steige zum Felszacken auf, der wie eine rettende Insel aus dem Eis herausragt.

Dort angekommen verkeile ich meine Eisgeräte in einer Felsspalte und warte ein paar Minuten bis der Schmerz nachlässt. Nach einigen Schlucken Tee und den anfeuernden Rufen von Sven klappen die letzten Höhenmeter zum Gipfelgrat recht schnell. Die letzten Meter zum Gipfel gehen wir durch leichtes Mixedgelände und Felskletterei im II. Grad.

White-Out im Abstieg

Leider machte uns nun das Wetter umso mehr Sorgen. Dichte Wolken ziehen über die umliegenden Berge und verhüllten die Gipfel hinter einem grauen Vorhang. Jetzt wird klar, dass wir uns mit dem Abstieg unbedingt zu beeilen haben. Nach gerade einmal 2min auf dem Gipfel neben der Schwarzen Madonna steigen wir über dem vom Vortag bekannten Couloir zum Glacier du Geant ab. Als ob die Wolken nicht ausgereicht hätten, zieht nun auch noch ein kräftiger Wind über den Gletscher und droht, unsere Spuren zu verwischen. Schnell machen wir uns auf den Rückweg ins sichere Refugio.

Philipp Hannemann ist Verkaufsberater in der Bergsport-Abteilung bei engelhorn sports. Zu seinen Hobbys zählen Outdoor, Bergsteigen, Trekking, Segeln und Skitouren in Skandinavien
Philipp Hannemann ist Verkaufsberater in der Bergsport-Abteilung bei engelhorn sports. Zu seinen Hobbys zählen Outdoor, Bergsteigen, Trekking, Segeln und Skitouren in Skandinavien
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