Auf den Spuren des Schneeleoparden Teil 1 – Wandern im Ala Archa Nationalpark bei Bishkek, Kirgistan

Holprige Anfahrt
Eine knappe Stunde hatte die Taxi-Fahrt aus dem Zentrum der Hauptstadt Bishkek gedauert. Im landesüblichen Schlagloch-Slalom war es gen Süden gegangen, direkt auf die Alatau-Kette des Tian Shan Gebirges zu, deren Gipfel sich hier fast 4.900 Meter hoch erheben.
Jetzt stehen wir vor einer rostigen Schranke am Eingang des Ala Archa Nationalparks, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung auf 2.100 Metern. Links rottet eine Steinbockskulptur vor sich hin, rechts ein Schneeleopard, beide scheinen symbolisch für ihre real existierenden Artgenossen zu leiden. Hätten wir hier Smartphone-Empfang, könnten wir jetzt googeln, dass Wilderer vor allem den Schneeleoparden übel zusetzen und ihre Population auf kaum 250 Tiere im ganzen Land dezimiert haben. Aber Handynetz gibt es hier nicht, und so ringen wir unserem Fahrer das Versprechen ab, uns morgen Abend genau hier wieder abzuholen – zuverlässig zeichensprachlich natürlich, denn er spricht kein Englisch und wir verstehen weder Russisch noch Kirgisisch.


Steiler aber abwechslungsreicher Anstieg durch den Wald
Dann geht es los, ein Trampelpfad führt steil hinauf durch lichten Mischwald, der vom vielfarbigen „Halbkugeligen Wacholder“ dominiert wird. Dieser Zypressenart verdankt der Nationalpark seinen Namen, die Kirgisen schreiben den Archa-Bäumen spirituelle Kraft zu. Ihr Rauch soll beim Verbrennen böse Geister vertreiben – aber leider nicht den Müll, den feierfreudige Hauptstädter hier über die Sommermonate zurückgelassen haben.
Die ersten Meter der Tour erinnern bedenklich an eine südfranzösische Autobahnraststätte zur Ferienzeit. Aber mit jedem zurückgelegten Höhenmeter werden Bierdosen, Plastiktüten und Klopapierreste weniger, dafür offenbaren sich immer mehr umliegende Gipfel, von denen es allein im Nationalpark über fünfzig gibt. Dazu zwanzig Gletscher und vielfältige Berglandschaften – also Naturporno vom Feinsten, der für den schmutzigen Auftakt der Tour entschädigt.


Der Weg den Geröllhang hinauf will nicht enden
Jenseits des Waldes folgen wir dem Ak-Sai Gletscherbach, durchqueren ockergelbe Hochebenen, auf denen halbwilde Pferde weiden und in der gleißenden Mittagssonne für Western-Atmosphäre sorgen. Nach zweieinhalb Stunden Aufstieg ist die Halbzeitrast an einem kleinen Wasserfall fällig. Von hier haben wir einen spektakulären Blick auf das Hochtal hinter uns, die gegenüberliegenden Berghänge, und auf die wuchernde Moräne vor uns. Sie windet sich zwischen steilen Granitwänden empor und bildet jeweils eine schmale Rinne zu ihrer rechten und linken.
Der weitere Weg führt uns nun links des Geröllkamms steil empor und immer wieder hören wir auf seiner anderen Seite schwere Felsbrocken gen Tal stürzen. Das dumpfe Grollen und der über die hohen Felswände kriechende Schatten treiben uns zur Eile, was den Kreislauf auf nun über 3.000 Metern Höhe ordentlich in Schwung bringt.


Endlich auf 3.400 Metern angekommen
Als die Sonne hinter den hohen Granitwänden im Westen verschwindet, erreichen wir unser Ziel auf knapp 3.400 Metern: die Ratsek-Hütte, ein eher grober Verhau aus Natursteinen, Blech und Sperrholzplatten. Sie diente zu sowjetischen Zeiten als Basislager für Expeditionen auf die umliegenden Gipfel, aber mangels Bewirtschaftung schlagen die meisten Trekker heute lieber ihre eigenen Zelte auf, als in das ungemütliche Notlager einzukehren.
So auch wir, zumal zwei wettergegerbte Russen am Eingang der Hütte uns anschauen, als hätten sie das Ende des Kalten Krieges hier oben nicht mitbekommen. Gastfreundschaft blickt jedenfalls anders drein – und wir haben keinen Vodka dabei, um sie uns zu erkaufen. Jetzt brauchen wir nur noch einen halbwegs gemütlichen Schlafplatz in dieser kargen Wildnis...
Teil 2 folgt am 26.12.2014

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