4 Tages Trekking im Tianshan, Terskey Alatau Range in Kirgistan: ein Erfahrungsbericht

Dauer/Länge: 2.700hm, 4 Tage
Höchster Punkt: Alaköl Pass, 3.920m
Startpunkt: Karakol
Schwierigkeitsgrad: anspruchsvoll
Ausrüstung: robuste Trekkingschuhe, Stöcke, Regenbekleidung, komplette Wildcamping Ausrüstung
Anfahrt/Parken: per Taxi oder Minibus an den Eingang des Nationalparks
Einkehrmöglichkeit: keine

Im September entschieden wir uns im Rahmen unserer Kirgistanreise für ein Trekking im Tianshan Gebirge an der Grenze zu China. Das Trekking dauert eigentlich 10 Tage, ich habe in diesem Artikel über das Trekking im Tianshan generelle Infos und Gegebenheiten zusammengefasst. Wir entschieden uns jedoch nur für die Kernetappe von Karakol aus über den Gletschersee Alaköl und den gleichnamigen Pass von 3.920m Höhe und den Abstieg über Altyn Araschan nach Aksuu. Wir ließen uns für diese Strecke, die im besten Falle in 3 Tagen zu bewältigen ist, 4 Tage Zeit, und das war auch gut so! Ein weiterer Tag hätte auch nicht geschadet, um die Natur wirklich genießen zu können. Das Wetter ist jedoch recht unbeständig dort oben.


Die Höhe, die generelle Anstrengung bei steilen Aufstiegen und Abstiegen und die ungewohnte Belastung der schweren Rucksäcke - jeder trug ca. 8-10 Kilo - machten uns schon zu schaffen. Aber was für ein Naturerlebnis! Steinböcke, Adler, Zauberwälder, Gletscher, kanadische Wälder - von allem etwas. Und vor allem ohne jegliche Infrastruktur, keine Hütten, keine Gondeln, keine Cafés, man ist komplett auf sich selbst angewiesen. Uns sind in den vier Tagen neben ein paar einheimischen Pferde und Kuhhirten maximal 20 andere Wanderer über den Weg gelaufen, wobei wir allerdings auch in der Nebensaison unterwegs waren. 
Erste Etappe: Aufstieg durch das Karakol Tal
Von Karakol aus kann man per Minibus oder Taxi an das Gate des Nationalparks gefahren werden, wo man noch eine Eintrittskarte für 250 Som pro Person kaufen muss. Unbedingt die Quittung aufheben! Es kann sein, dass Parkranger einen kontrollieren und man sonst eine Strafe zahlen muss. Das Taxi bringt einen noch etwas weiter das Tal hinauf. Dann geht es gemütlich auf einem breiten Fahrweg durch das idyllische Tal, immer entlang des teilweise reißenden Flusses. Die Strecke ist wunderbar, um sich an den schweren Rucksack zu gewöhnen, und bei gemütlichem Tempo braucht man etwa 3 Stunden bis man auf einem bezaubernden, kanadisch anmutenden Plateautal angekommen ist, wo der Fluss in vielen Biegungen verläuft, hohe Tannen stehen und Pferde grasen. Nach einer Stunde geht es nochmal ein steileres Stück hoch bis zu einer Brücke über den Fluss, die man überquert um zum empfohlenen Camp "Sirota" zu gelangen. Da dieses Wegstück jedoch weitere 3 Stunden dauert, entschieden wir uns, das Camp zwischen den Tannen aufzuschlagen. Den Müll, der leider bei den Campsites rumliegt, haben wir versucht, mit Steinen zu kaschieren.


Während wir unser Abendessen - Maggifix für Schinkennudeln :-) zubereiteten - galoppierte ein Pferdehirte einem davongelaufenen Fohlen hinterher. Die Nacht verlief unspektakulär bis auf ein unidentifizierbares Tier, welches sich an unserem Müll zu schaffen machte. Am nächsten Morgen ließen wir es langsam angehen, da die Tagesetappe nicht besonders lang werden würde. Bei einem kurzen Schauer verkrochen wir uns zurück ins Zelt und packten gegen 2 Uhr zusammen.
2. Etappe zur Sirota Campsite
Über die Brücke ging es hinein in einen wahren Zauberwald. Der Pfad führte kaum erkennbar über moosbewachsene Felsen, umgestürzte Bäume und verschlungene Büsche den Berg hinauf. Hier sollte man aufmerksam darauf achten, den richtigen Weg nicht zu verlieren. Sobald es steiler wird und man die Baumgrenze erreicht, ergeben sich spektakuläre Blicke in das gegenüberliegende Tal. Schweißtreibend geht es bergauf, zum Schluss durch ein Geröllfeld mit großen, glänzenden Felsbrocken hinein in einen weiteren Zauberwald, bevor man das Camp erreicht. Die Landschaft hier ist wirklich unglaublich schön und wild und man hat die Möglichkeit, sich in einem kleinen Wäldchen eine schöne Stelle fürs Zelt auszusuchen - wären nicht auch hier wieder Feuerstellen mit leeren Wodkaflaschen und Klopapier überall, wirklich ein Jammer.
Am reißenden Bach holten wir uns Wasser und kochten ein paar Nudelsuppen, bevor wir uns ins Zelt verkrochen. Hier auf über 2.500m Höhe war es schon deutlich kühler, und wenn die Sonne untergegangen ist, gibt es nicht mehr viel Grund, draußen in der Kälte zu bleiben. Man merkt wieder einmal, wie der Mensch eigentlich extrem abhängig ist von der Natur, und man diese Natur im Alltag in der Stadt komplett übertrumpft mit künstlichem Licht, künstlicher Wärme und allen möglichen anderen Bequemlichkeiten.


Wir liegen im Zelt mit unseren iPads und müssen erst wieder lernen, uns an den natürlichen Rhythmus anzupassen. Wir merken auch mit Verwunderung, wie abhängig unsere Stimmung von der Sonne ist. An einem strahlenden Morgen wirkt alles machbar, man ist guter Dinge und genießt die Sonne auf dem Gesicht, wenn man hingegen bei düsterem Himmel an einem Zeltplatz ankommt und im Fernen der Donner grollt, lässt man sich schnell von der übermächtigen Natur einschüchtern.
Etappe 3: über den Alaköl Pass
Dies ist die Kernetappe und wir waren froh, dass wir uns gut akklimatisiert und an das schwere Gepäck der Rucksäcke gewöhnt hatten. Früh morgens ging es los, stetig bergauf am Bach entlang bis man nach ca. 2,5 Stunden - zum Schluss über ein recht steiles Geröllfeld - oben angelangt und den glitzernden Alaköl Gletschersee vor sich sieht. Was für ein Anblick! Wir hatten unglaubliches Glück mit dem Wetter, es war keine Wolke am Himmel, während andere Trekker, die ein paar Tage früher oder später gingen, uns von Schneestürmen und unpassierbarem Gelände berichteten. Nicht wenige mussten an dieser Stelle umkehren und konnten nicht den Weg über den Pass antreten, der nun auf uns zukam. Man quert in steilem und recht schwierigem Terrain über Geröllfelder bis man zum ultimativen Passanstieg gelangt. Hier gilt es, langsam aber sicher einen Schritt vor den anderen zu tun und man ahnt schon die gewaltige Aussicht, die einen auf dem Pass oben erwartet.


Und tatsächlich, die Aussicht ist fantastisch. Auf der einen Seite sieht man den tiefblauen See, die Gletscher und schneebedeckte Berge, auf der anderen Seite blickt man in ein mondlandschaftartiges Tal, ganz in der Ferne sieht man Khan Tengri, den schönsten 7.000er des Tianshans und Pik Pobedy, den höchsten Gipfel dieses Gebirges, direkt an der Grenze zu China. Ein Adler zog über uns seine Kreise, als wir uns einen Schokoriegel angesichts der bewältigten Anstrengung gönnten. Nach einem steilen Abstieg unten im Kol Dike Tal angekommen, suchten wir uns einen idyllischen Platz am Fluss für unser Zeltlager. Empfohlen wird, weiterzugehen bis zum Dörfchen Altyn Araschan, doch das hätte weitere 3 Stunden in Anspruch genommen und die Sonne stand bereits tief.
4. Etappe hinunter durch das Araschan Tal
Wir ließen uns etwas Zeit an dem Morgen, da die Sonne und die Landschaft so unglaublich idyllisch und wir nach der Bewältigung des Passes so entspannt waren. Das war tatsächlich keine gute Idee, da die Etappe doch noch recht lang ist. Wir erfuhren mal wieder am eigenen Leib, dass man dazu neigt, den Abstieg zu unterschätzen. Nachdem wir uns eine Suppe mit Sternchennudeln gegönnt hatten, ging der Abstieg über sanfte Almen, über einen reißenden Bach hinunter in den Fichtenwald und weiter abwärts Richtung Haupttal. Hier gaben dann meine Schuhe auf, ich hatte leider die Leidensfähigkeit der treuen Seelen nach 15 Jahren doch etwas überschätzt, und musste dann notdürftig die Sohle festbinden. Zu allem Überdruss fanden wir keinen Weg über den Fluss und mussten uns auf alte Pfadfinderart mit ein paar Steinen behelfen.


Mittlerweile war es schon 3 Uhr, als wir endlich die kleine Ortschaft Altyn Araschan, die für ihre heißen Quellen berühmt ist, erreichten. Wir wollten allerdings nicht dort bleiben, sondern weiter ins Tal hinunter, da wir kaum mehr Gas übrig hatten und keine Tempos mehr. Unglaublich wie aufgeschmissen man dann in der Natur doch ist wegen so ein paar Kleinigkeiten. Wir strebten also in flottem Tempo das nicht enden wollende Tal hinunter. Zum Schluss kamen wir dann in Dämmerung ans Talende, wo es jedoch noch ein recht weiter Weg bis zum Dorf ist. In völliger Dunkelheit stolperten wir mit unseren Stirnlampen die holprige Straße hinunter bis sich ein gelangweilter Dorfbewohner erbarmte und uns als Taxifahrer zurück nach Karakol fungierte. Mit Blasen an den Füßen, kaputt aber glücklich saßen wir dann frisch geduscht in unserm Stammlokal und aßen Lagman.
Fazit
Die Tour ist wirklich empfehlenswert, wenn man folgende Tipps beherzigt:
Besorgt euch einen Führer.
Seid realistisch bezüglich eurer eigenen Fitness. 
Versucht, die Risiken, die Wetterverhältnisse und Bedingungen realistisch abzuschätzen.
Wir haben nicht wenige Geschichten von Leuten gehört, die umkehren müssten, im Dunkeln ohne Taschenlampe unterwegs waren, sich gegenseitig aus den Augen verloren und den Weg gleich mit dazu, oder auf dem Pass im Schneesturm standen. Solche Situationen sollten am Ende der Welt besser vermieden werden :) Ansonsten ist die Tour ein unglaubliches Naturerlebnis. Bald findet ihr unsere komplette Packliste für den Trek auf dem Blog.

Newsletter